Klagenfurter Schwerarbeit bei Hitze: Moderator Christian Ankowitsch und Juror Klaus Kastberger.

© APA/PETER LINDNER

Kultur
06/19/2021

Bachmann-Preis, Tag 3: Sendung mit Maus und Haushose

Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ gingen mit Familiengeschichten und einer unheimlichen Bootsfahrt zu Ende.

von Guido Tartarotti

Der dritte und letzte Tag des Klagenfurter Wettlesens führte zunächst in eine jüdische Familie, der Vater ist Kantor in Berlin, die halbwüchsige Tochter muss den Sommer bei den Großeltern in Chicago verbringen, wo sie viel liest und viel weint bzw. umgekehrt. Wesentlich mehr passiert nicht in der andeutungsreichen Geschichte – genauer genommen ist sie ein Romanauszug – der Berliner Autorin Dana Vowinckel, eingeladen von Mara Delius.

(Der Text enthielt den wunderbaren, viel zu selten in der Literatur verwendeten Begriff „Haushose“.)

Nicht dumm

Die Jurorin (und KURIER-Kolumnistin) Vea Kaiser fand den Text, der Tradition auf eine jugendliche Perspektive  prallen lässt, „grandios gelungen“. Die Juryvorsitzende Insa Wilke sprach von einem Versuch, mit den Mitteln der Sprache „Welt zu errichten“. Brigitte Schwens-Harrant  sah in dem Text eine „Entfremdungsgeschichte“, zwischen Generationen, aber auch zwischen Traditionen. Auch Michael Wiederstein gefiel die „Diaspora-Geschichte“.

 

Klaus Kastberger lobte den nicht „künstlich gedehnten“ Vortrag: „Auch Fernsehzuschauer sind nicht dumm.“ Mara Delius nannte den Text „außergewöhnlich“. Tatsächlich fand – erstmals bei diesem Wettbewerb – die gesamte Jury den Beitrag im Wesentlichen gut, sogar Philipp Tingler (Kasperl und Krokodil der Jury in Personalunion).

Weiter ging  es mit einem Bootsausflug auf einen See, zusammen mit Julian, einem fast unsympathisch sympathischen Lebenskünstler. Timon Karl Kaleyta, eingeladen von Michael Wiederstein, lebt als  Musiker und Autor natürlich in Berlin. Auch seine Geschichte kam bei der Mehrheit der Jury gut an.

Klaus Kastberger urteilte: „Das ist der kleine Gatsby, geschildert mit der Sprache der Sendung mit der Maus.“ Und er meinte das ausdrücklich positiv. Insa Wilke war ebenfalls begeistert: „Alle Text-Ebenen sind da, sie lauern im Untergrund.“ Sie fühlte sich gar an „Twin Peaks“ erinnert! Auch Brigitte Schwens-Harrant war angetan und  dachte beim Lesen an Patricia Highsmith.

Philipp Tingler dagegen fand den Text „so mittel“: „Er füllt 25 Minuten, aber es bleibt nicht viel davon übrig.“ Auch Vea Kaiser mochte die Geschichte nicht, beklagte die „tumbe Sprache“ und meinte in Richtung ihrer Kollegen: „Ich lerne, wie man sich Dinge schönlügen kann.“ Der Text sei „handwerklich arm.“ Mara Delius  diagnostizierte „mal zärtliche, mal nölige Lethargie“.

Raus!

Am Ende der Debatte kam es zu einem schönen Kastberger-Tingler-Dialog. Kastberger: „Es ist spannend, dass wir hier so lange über Kurzerzählungen sprechen!“ – Tingler: „Wir sprechen so lange, weil wir ständig dieselben Positionen wiederholen.“ (...) Tingler: „Langweilig!“ – Kastberger: „Ja, Herr Tingler, dann gehen Sie halt  raus und machen Sie schon Mittagspause.“

Und genau die kam dann.

Die in Graz lebende, in Teheran geborene Autorin Nava Ebrahimi, eingeladen von Klaus Kastberger, eröffnete mit einer unheimlichen Geschichte den Nachmittag: Eine Schriftstellerin und ihr Cousin, ein Performer, sprechen über ein familiäres Tabuthema – beziehungsweise, sie sprechen nicht, sie kommunizieren mit den Mitteln der Literatur und des Tanzes.

Mara Delius urteilte: „Ein ganz toller Text. Die Figuren haben mich sofort für sich eingenommen.“ Geschildert werde ein Leben als „permanenter Misstrauensantrag“. Philipp Tingler: „Ist das ein schlechter Text? Nö. Aber umwerfend ist er auch nicht.“ Vea Kaiser lobte, wie es der Text schafft, „das Unbeschreibbare mit den Mitteln der Kunst darzustellen“.

Insa Wilke verglich (auch!) diese Geschichte mit dem Text von Heike Geißler, was unter den Jury-Kollegen Gelächter auslöste – worauf Wilke  genervt mit den Augen rollte.  Wilke: „Der Text zeigt die Gesellschaft als Gefängnis, aber er zeigt auch, dass der Text ein Gefängnis ist.“ Michael Wiederstein mochte das „virtuose Formenspiel“.

Gartenzwerg

Die Schriftstellerin und Musikwissenschaftlerin Nadine Schneider – auch sie lebt in Berlin – beschloss, auf Einladung von Brigitte Schwens-Harrant, den Wettbewerb. Und zwar mit einer Geschichte über eine Familie, die trotz Gartenzwergs in einer hermetischen Dorfgesellschaft nicht heimisch wird.

Vea Kaiser: „Ich habe selten so wunderschöne Schilderungen von Dorfleben gelesen.“ Sie nannte den Text „grandios sinnlich gelungen“.  Klaus Kastberger sah Parallelen zu Stifter: „Der Text imprägniert  sich mit den Mitteln des 19. Jahrhunderts.“ Philipp Tingler zitierte Alfred Polgar: „Literarische Kost für Zahnlose.“ Insa Wilke fühlte sich an H. C. Artmann erinnert: „Das Dorf ist eine Metapher für das Kontinuum der Zeit.“

In diesem Sinne: Zeit für eine Pause. Wir freuen uns auf nächstes Jahr!

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