Deutschsprachige Literatur verpflichtet: Bachmannpreis-Kiebitze in Klagenfurt.

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Kultur
06/27/2019

Bachmann-Preis, Tag 1: Gespenster, Erklär-Bären und neue Sagen

Guido Tartarotti schaut Tage der deutschsprachigen Literatur: Zum Auftakt gab es durchwegs hochwertige Texte – alle von Frauen.

In seiner Eröffnungsrede verglich der Autor Clemens J. Setz Literatur mit Wrestling. (Hoffentlich hören das die Wrestler nicht, sonst kriegen wir noch Entwicklungsromane vom Untertaker oder von John Cena zu lesen.)

Frauentag

Am ersten Tag lasen nur Frauen. Eröffnet wurde der Wettbewerb von der Berliner Autorin Katharina Schultens, die einen Auszug aus ihrem Debütroman vortrug. Der rätselhafte Text blendet in eine dystopische Zukunft, in der die Reproduktion nur noch durch die Wissenschaft gesichert werden kann.

Jurorin Hildegard Keller brachte es auf den Punkt, indem sie sagte: „Äußerst präzise wird hier äußerst intensiv Verwirrung gestiftet.“ Stefan Gmünder sah „poetische Dunkelheit“, Hubert Winkels verglich den Text mit Bildern von Maria Lassnig, Michael Wiederstein sah Parallelen zu Orwells „1984“, Klaus Kastberger zum Film „Avatar“, und er nannte den Text „so, wie er ist, perfekt“.

Die Diskussion bot bereits die erste große Show – die Jury stritt darüber, ob man streiten soll oder nicht.

Als nächstes kam die Wienerin Sarah Wipauer mit einem Text, der mit dem wunderschönen Satz „Gespenster entstehen zufällig“ begann. In der sehr humorvoll erzählten Geschichten ging es um einen offenbar sterbenden Raketentechniker, der sich auf einer Raumstation wiederfindet und dort fliegende Kühe, kranke Kinder und seinen Bruder und seine Schwägerin sieht, beide schon lange tot. Die Schwägerin bohrt schließlich ein Loch in die Raumstation (es gab tatsächlich ein rätselhaftes Loch auf der realen ISS).

Blaublüter

Juror Michael Wiederstein zeigte sich von der Geschichte angetan: „Untote österreichische Blaublüter okkupieren die ISS.“ Er kritisierte aber die „nicht mutige“ Erzählweise: „Zu oft macht mir der Text den Erklärbär.“ Nora Gomringer widersprach heftig und nannte den Text „wahnsinnig lustig“. Klaus Kastberger war begeistert und sah „eine neue Sage aus Wien“.

Jury-Vorsitzender Hubert Winkels sah in der Geschichte die „Rache des Gespensts an der Vergangenheit, die es zum Gespenst gemacht hat.“ Und er hielt fest: „Die ganze Welt ist voller Gespenster.“ Schön, dass das auch wieder einmal jemand gesagt hat.

Als letzte des ersten Vormittags nahm die aus Zürich stammende Autorin, Journalistin und Kabarettistin Silvia Tschui auf dem drehbaren Lese-Podest Platz – mit einem Auszug aus ihrem zweiten Roman, den sie sehr lebhaft vortrug. Es handelte sich um eine harte Kinder-Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, angesichts der näher rückenden Ostfront.

Hubert Winkels verurteilte den Text, „weil er historisches Geschehen ausblendet und sich auf die Kinderperspektive beschränkt.“ Klaus Kastberger kritisierte die Sprache als „unadäquat“. Hildegard Keller wiederum sah darin eine „Kain-und-Abel-Geschichte“, ihr gefiel die „serielle Erzählweise“.

Halleluja!

Winkels warf ein, er habe sich „gelangweilt“. Nora Gomringer widersprach heftig: „Ich habe mich nicht gelangweilt! Halleluja, endlich ein Text, dem ich folgen kann.“ Die Geschichte zeige, wie zwei Kinder „zu Härte manipuliert“ werden. Insa Wilke vermisste im Text „Widerspruch“, Stefan Gmünder kritisierte, dass „sich die Sprache nicht entwickelt, sondern auf Effekte setzt.“

Nach der Pause setzte Julia Jost als Kärnten mit einer tragischen Kindheitsgeschichte im satirischen Ton fort: Es geht um Missbrauch, ein altes SS-Messer und den Tod. Hubert Winkels fand die Geschichte „überzeugend“ und lobte den „sarkastischen Witz“, Nora Gomringer nannte den Text „eine virtuose Erzählung, die so viel schrecklichen Spaß macht“. Hildegard Keller ergänzte: „Der Text wirft mir ein Lachen in den Hals und lässt es dort stecken.“Michael Wiederstein und Insa Wilke kritisierten die „Vorhersehbarkeit“ der Erzählung.

Den ersten Tag beschloss die Schweizerin Andrea Gerster mit einer Schwiegermutter-Mutter-Kind-Familiengeschichte. Jurorin Insa Wilke fasste das Text so zusammen: „Mir gefällt an dem Text, dass er so bieder ist.“ (Sie meinte das als Lob.)Hubert Winkels fand den Text einerseits gut, andererseits „schwerfällig“.

Das Wettlesen dauert noch bis Samstag, 3Sat überträgt jeden Tag ab 10.00 Uhr. Am Sonntag werden die Preisträger verkündet.