Es fehlt nicht nur an Geld, es fehlt an Anstand und Respekt
Kulturminister Andrea Babler.
Die Aufgaben der Kulturpolitik – im Bund wie in den Ländern und Kommunen – sind eigentlich klar: für die Künstlerinnen und Künstler (der Begriff „Kulturschaffende“ ist, weil von den Nationalsozialisten geprägt, mit Vorsicht zu genießen) optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Es geht also nicht um ideologische Einflussnahme oder inhaltliche Vorgaben, sondern um die Bereitstellung ausreichender Mittel. Und zwar für jene Bereiche, die ohne Förderung der öffentlichen Hand vor die Hunde gingen, weil der Markt – zumal in Österreich – zu klein ist.
Um es mit einem Extrembeispiel zu illustrieren: Die äußerst gefällige Schlagersängerin Melissa Naschenweng braucht keine Subventionen, die vergleichsweise spröde Komponistin Olga Neuwirth hingegen sehr wohl – in Form von Aufträgen oder Stipendien. Es geht also, ganz klar, ums Geld.
Die Kulturpolitik bleibt jedoch vieles schuldig. Sie findet „Fair Pay“ super – aber nur als Idee (wie Gleichheit und Brüderlichkeit). Und sie macht es den Wasserträgern im Kulturbetrieb unerträglich schwer. Diese müssen sich immer wieder arbeitslos melden, weil sie, zum Beispiel beim Film, nur sporadisch engagiert werden (können). Die meisten von ihnen würden zu gerne auf diese Challenge verzichten. Bisher gestand man ihnen (und auch allen anderen) zu, geringfügig dazuverdienen zu dürfen. Sie konnten also zum Beispiel eine bezahlte Lesung absolvieren, ohne gleich den Anspruch zu verlieren.
Aber seit 1. Jänner besteht bei Arbeitslosigkeit ein weitgehendes Zuverdienstverbot. Hier eine Lösung zu finden, stünde einem Kulturminister, noch dazu einem Sozialdemokraten wie Vizekanzler Andreas Babler, gut an. Doch die Proteste der Interessensvertretungen verhallten bisher wirkungslos.
Die Kulturpolitik hat schließlich größere Brocken zu stemmen: Allerorts muss eisern gespart werden, so auch in der Kunstproduktion.
Das Phänomen der zu geringen Budgets ist nicht neu: Die Parteien der Mitte kamen schon vor Jahrzehnten auf die glorreiche Idee, mit der ORF-Gebühr einen Kulturschilling einzuheben. Doch mit dem Umstieg auf die verpflichtete Haushaltsabgabe haben etliche Bundesländer mit dem Unfug aufgehört: Sie stopften eben die aufklaffende Lücke. Aber: Wer weiß, wie lange? In anderen Bundesländern, den marodesten, droht nun, bei der geplanten Aufgabe der Abgabe, tatsächlich ein Kahlschlag. Den Freiheitlichen passt es ins Konzept des vogelfreien Künstlers. Doch soweit sollte es nicht kommen dürfen.
Die Künstlerschaft und die Kulturmanager (ganz bewusst nicht gegendert) machen es einem aber ziemlich schwer, für sie ins Feld zu ziehen. Wiewohl in der moralischen Anstalt Theater das gesittete Zusammenleben immerzu durchdekliniert wird, sich die Proponenten gerne als die besseren Menschen darstellen, herrschen dort recht menschenverachtende Zustände. Die Tempel der Kunst sind definitiv nicht der Hort feinfühlender, empathischer Zeitgenossen. Das stellten beispielhaft Paulus Manker, Claus Peymann, Herbert Föttinger unter Beweis – wie auch Jonathan Fine im KHM und Markus Hinterhäuser in Salzburg.
Die Kulturszene – samt ORF – ist daher weiterhin Avantgarde: hinsichtlich des Schwindens von Anstand, Umgangsformen und Respekt. Das Fehlen von Kultur (im ursprünglichen Sinn der Zivilisierung) in der Kulturszene sollte allerdings nicht das Thema der Kulturpolitik sein. Sondern der Gesellschaftspolitik schlechthin.
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