© Sean Eriksson

Kultur
06/11/2019

Avicii mit "Tim": Hits aus dem Jenseits

Das posthum veröffentlichte Album des Star-DJs und -Produzenten ist ganz schön tanzbar, aber auch ganz schön traurig.

Schon das Neue Testament wusste: Der Tod ist nicht das Ende. Diese frohe Botschaft wird Tausende Jahre später auch von der Musikindustrie immer wieder gerne aufgegriffen und gewinnbringend weitergetragen – siehe Jimi Hendrix, Michael Jackson, Prince und so weiter und so fort.

In die lange Liste der meist völlig überflüssigen Posthum-Alben trägt sich nun auch Tim Bergling ein: Der als Avicii eine ganze Generation mit Hits wie „Levels“ und „Wake Me Up“ versorgende Schwede, der sich am 20. April 2018 im Alter von 28 Jahren das Leben nahm, versorgt seine Fans mit Hits aus dem Jenseits.

Tim“ heißt die Platte, die ein Dutzend neuer Songs beinhaltet, an denen der Superstar bis zuletzt gearbeitet haben soll. Das Material sei zu 80 Prozent fertig gewesen, heißt es in einer Aussendung. Für die restlichen 20 Prozent sorgten ihm vertraute Songwriter, die Audiospuren zurechtrückten und Ideen zu Songs formten.

SOS

Musikalisch deutet das Album einen Wandel an, den Avicii nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit im Jahr 2016 vollziehen wollte: Weg von der oberflächlich glitzernden wie hirnlosen Bumm-Bumm-Musik, von den stadiontauglichen, fröhlichen Kitsch-Hymnen, die man auch nach dem zwölften Bier mitpfeifen kann.

„Bad Reputation“ (feat. Joe Janiak) und „Ain’t a Thing“ (feat. Bonn) stehen beispielhaft dafür, in welche Richtung es musikalisch hätte gehen können – mehr Tiefgang und runter von der „Put-Your-Hands-In-The-Air“-Welle, die ständig nach Spaß schreit.

„Heaven“ hingegen, ausgestattet mit einer schnell ins Ohr gehenden Dreifinger-Melodie und mit zahlreichen Effekten belegten Sounds, könnte man wieder als klassische Avicii-Kost durchwinken, wäre da nicht die Zeile „I think I just die“, die der Coldpay-Frontmann Chris Martin gewohnt pathetisch vorträgt.

Mit „SOS“ folgt ein unmissverständlicher Hilfeschrei, den Avicii mit Sänger Aloe Blacc hinterlassen hat. Darin heißt es: „Can you hear me SOS. Help me put my mind to rest“. „Er hat diese Lyrics offenbar über einige seiner Kämpfe geschrieben, und ich denke, das ist ein wirklich wichtiges Thema“, sagt Blacc über den Song. Avicii gebe Menschen die passenden Worte, um zu sagen: „Ich brauche Hilfe.“

Durchhalteparolen gibt es in „Hold The Line“ (feat. Arizona), in dem es darum geht, sich immer weiter zu pushen – auch in schweren Zeiten. „The breath in your lungs is stronger than the tears in your eyes“ heißt es darin. Eine Zeile, die – wie vieles andere auch – seit 20. April 2018 in einem völlig anderen Licht erscheint.

Erlöse

Hier die Musik, die Lebensfreude suggeriert, dort der Musiker, der alles andere als lebensfroh war. Ob diese Botschaft auch in den Tanzpalästen dieser Welt, in denen Aviciis Songs rauf- und runtergespielt werden, ankommt, darf bezweifelt werden. Aber immerhin kommen die Erlöse aus dem Album „Tim“ der ins Leben gerufenen Tim Bergling Foundation in Stockholm zugute, die sich für Menschen in psychologischen Krisensituationen einsetzt.