Kultur
28.01.2018

Automaten-Pionier Ferry Ebert: Auf Knopfdruck kommen die Leute zum Reden

Er war Pionier des Automaten-Geschäfts, nun sorgt sich der Ex-Unternehmer um sein Erbe. Dieses hat weniger mit Maschinen als mit Menschlichkeit zu tun.

"Bei Versagen Knopf drücken". Wenn es doch so einen Knopf für alle Lebenslagen gäbe, für schief gelaufene Bewerbungsgespräche, misslungene Investitionen oder auch für verfehlte Versuche, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Vielleicht ist es dieses Versprechen der Einfachheit, das den Zauber von Ferry Eberts Welt ausmacht.

Ebert? Kennen Sie, oder? Der mit den Automaten. Ahja. Die leuchtend gelben Verteiler für PEZ-Zuckerln, die knallgrünen für Kaugummis und natürlich die in zahllosen Wirtshaustoiletten verteilten Kondom-Spender spucken für viele Österreicher und Österreicherinnen, die im 20. Jahrhundert groß geworden sind, nostalgische Gefühle aus – selbst wenn sie ihren eigentlichen Zweck nicht mehr erfüllen und viele von ihnen längst abmontiert wurden.

"Meine Automaten haben immer das Kleid des Produkts, das drin war, getragen. Und ich finde, das war eine lieblichere Zeit". So beschreibt Ebert den ästhetischen Reiz seines Geräteparks, dessen Glanzstücke er in seinem Domizil im 14. Wiener Bezirk ausgestellt hat. Für seine Sammlung suche er ein würdiges Zuhause, sagt Ebert: Es wäre schade, wenn dieser "Teil der österreichischen Wirtschaftsgeschichte" einmal zerstückelt werden müsste. 83 Jahre ist Ebert alt, vor Kurzem kehrte er von einem Reha-Aufenthalt nach einem Schlaganfall zurück. Die Lust am Fabulieren ist dem Mann mit den lachenden Augen dabei nicht abhanden gekommen: "In der Reha haben’s die Leut’ im Rollstuhl zu mir hing’schoben, damit ich was aus meinem Leben erzähl’", sagt er.

Kalte und warme Maschinen

Automaten hatten die längste Zeit den Ruf des Kalten, Unheimlichen: Von E.T.A. Hoffmanns Novelle "Der Sandmann" (1814), in der der "geschickte Mechanikus und Automat-Fabrikant" Spalanzani eine künstliche Frauenfigur erschafft, spannt sich die Kulturgeschichte über Fritz Langs "Metropolis" (1927) bis zu den Blade-Runner-Filmen (1981, 2017). In der heutigen Zeit, in der Menschen zunehmend dosenförmige Befehlsempfänger mit Namen wie "Alexa" ins Haus holen, erscheint Ebert als Pionier einer gegenläufigen Automatisierungswelle: Seine Maschinen waren nie unheimlich, sondern stets heimelig.

Das galt bereits für PEZ- und Brieflos-Maschinen, richtig offensichtlich wurde es erst, als sich Ebert, von wirtschaftlichen Rückschlägen frustriert, nach einem Aufenthalt am Berg Sinai ab 1990 Automaten aufstellte, die "Gedanken von Mensch zu Mensch" ausspuckten. Später kamen zu den Lebensweisheiten Märchen dazu, in den Briefen wurden Kinder aufgefordert, eigene Geschichten einzusenden. Ebert beantwortete alle Briefe.

Die Korrespondenzen füllen Schränke in jenem Teil von Eberts Haus, das er als "Enkelkindermuseum" auch für Besucher öffnet: Es ist ein Schrein der Nostalgie, die noch dadurch verstärkt wird, dass der leidenschaftliche Opa gemeinsam mit seiner Frau auch zahlreiche persönliche Erinnerungen an den eigenen Nachwuchs hier gelagert hat.

"Ich kommunizier’ eben nicht nur gern mit dem gesprochenen Wort, sondern auch schriftlich", sagt Ebert, der mehrere Bücher mit Erinnerungen, Märchen und mit Zitaten seiner Enkel veröffentlicht hat. Doch so wie die Kondom- und Kaugummiautomaten rein mechanisch funktionierten – bei Versagen musste besagter Knopf tief gedrückt werden, um die Schillingmünzen freizugeben – so ist auch Eberts Welt zutiefst analog geblieben.

"Das ist nicht zum Aufhalten"

Digitalisierung und Währungsumstellung läuteten als parallele Entwicklungen das Ende seiner Ära ein: Ein Umbau der Automatenflotte auf Euro-Münzen wäre unrentabel gewesen, so fand Ebert Franchisenehmer für seine stärksten Standorte und zog sich zurück. Eine neue Generation von Betreibern kam mit elektronischen Geräten, die diverse Produkte vom Schokoriegel bis zum Mineralwasser auf Tastendruck freigeben. Automaten diverser Glücksspiel-Konzerne überrollten das einstige Brieflos-Business.

Dass Kinder eines Tages nostalgisch auf die Touchscreens zurückblicken werden, mit denen sie heute etwa einen Burger in einer McDonald’s-Filiale bestellen, kann sich Ebert allerdings nicht vorstellen.

Dabei beobachtet er die Entwicklungen: Er weiß etwa, dass Amazon soeben einen Laden eröffnete, aus dem Kundinnen und Kunden die Waren einfach entnehmen und die Kosten via App abgebucht werden. "Das ist nicht zum Aufhalten", sagt er. Und klingt dabei gelassen. "Die Unpersönlichkeit greift um sich, bis halt wieder ein Gegenschwung kommt. Was mir auffällt, ist, dass der Bedarf nach zwischenmenschlicher Kommunikation unglaublich groß ist. Wir sind halt leider immer introvertierter geworden."