Karl-Lueger-Denkmal: Die Gruppe Schandwache zeigt im Musa Möglichkeiten zur Erhaltung der aufgesprayten Schriftzüge auf 

© Christoph Panzer / Wien Museum

Kultur
02/24/2022

Ausstellungen über das NS-Regime: Abarbeiten an der Geschichte

In Wien geht man der Frage nach, wie mit belasteten Objekten umgegangen werden soll. Dominant ist die Debatte um das Lueger-Denkmal

von Thomas Trenkler

Jede Generation von Künstlern und Kuratoren arbeitet sich, unter anderen Aspekten, am Nationalsozialismus ab. Das Haus der Geschichte Österreich, das sich eigentlich mit der Republik beschäftigen sollte, konzentriert sich geradezu auf die Hitler-Diktatur. Noch bis 3. April informieren auf dem Heldenplatz große Dreiecksständer über „Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah“. Im Foyer zeigt das Haus der Geschichte ein „arisiertes“ Landschaftsgemälde – in der Hoffnung, Hinweise auf die ehemaligen Eigentümer zu erhalten. Man weiß nur, dass sie in der Liechtensteinstraße 45 wohnten.

Diese Präsentation steht im Zusammenhang mit der Schau „Hitler entsorgen. Vom Keller ins Museum“ bis 9. Oktober. Auch wenn die Familiengeschichte nicht mit dem Nationalsozialismus verstrickt ist, stoßen Erben auf Funde aus der NS-Zeit – von Kriegsfotos in Sammelalben über Wehrmachtsausweise, „Ariernachweise“ und Orden bis zur Massenware „Mein Kampf“.

Verklärung oder Wiederbetätigung?

Sie lösen mitunter Gefühle zwischen Scham und Faszination aus. Anhand diverser Objekte, die dem Museum geschenkt wurden, wird die Frage nach dem angemessenen Umgang gestellt: „Was ist Erinnerung, was Verklärung und was Wiederbetätigung?“

Mit der NS-Zeit beschäftigt sich auch das Wien Museum in der Expositur Musa: Bis 24. April ist die Schau „Auf Linie“ über „NS-Kunstpolitik in Wien“ zu sehen. Nach dem „Anschluss“ Mitte März 1938 kontrollierte die Reichskammer der bildenden Künste nicht nur in Wien, sondern in der ganzen „Ostmark“ das Geschehen: Eine Mitgliedschaft war verpflichtend für die Berufsausübung; Juden und Andersdenkenden blieb die Aufnahme verwehrt.

 

Quasi als Kontrapunkt zu „Auf Linie“ zeigt man zudem „Gegen den Strich“ (bis 26. Juni), kuratiert von Vincent Elias Weisl. Präsentiert würden, so der Untertitel, „Interventionen im öffentlichen Raum“ von Kunstschaffenden der jüngeren Generation; zu sehen sind aber vornehmlich Ergebnisse der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus. Und nur wenige der Beiträge vermögen zu überzeugen.

Rosa Andraschek zeigt „Abriebe“ von Wänden, hinter denen NS-Zwangsarbeiter gewohnt hätten, Josepha Edbauer erkannte, dass man an der Fassade des Wiener Bankvereins (1909 bis 1912 errichtet) nicht die Enteignung der CA 1939 ablesen kann. Und Johann Schoiswohl legt Fotos von Alben ohne Fotos vor, da man diese z. B. aus Scham wieder herausgerissen hat. Was bleibt, sind Angaben wie „Winter 1942/43 Hammerfest“. Die Wehrmachtssoldaten seien, ist zu lesen, „zu Beginn des Krieges“ angehalten worden, ihren Alltag zu fotografieren. Ganz logisch ist die Erklärung nicht. Denn eine der präsentierten Leerstellen stammt aus 1936, der Krieg begann aber erst 1939.

Einen direkten Konnex zu „Auf Linie“ gibt es nur bezüglich Franz von Zülow, der zunächst viele große Aufträge vom NS-Regime bekam, aber dann in Ungnade fiel: Laura Wagner thematisiert seine „Arisierung“ eines Ateliers in der Porzellangasse mit zwei Skulpturen. Zudem schlägt sie vor, ein Relief aus der NS-Zeit samt Hitler-Zitat aus 1933 („Es kann nur einen Adel geben, den Adel der Arbeit“) an einem Haus in der Operngasse mit Steinblöcken zu verschalen. Ob das der Weisheit letzter Schluss ist?

Kontextualisierung

Die Frage, wie mit einem belasteten Denkmal umgegangen werden soll, wird ja schon seit Langem am Beispiel der Statue des antisemitischen Bürgermeisters Karl-Lueger (aus 1926) diskutiert. In der Schau „Gegen den Strich“ befasst sich die Gruppe Schandwache rund um Eduard Freudmann mit Möglichkeiten zur Erhaltung der vor zwei Jahren aufgesprayten „Schande“-Schriftzüge.

 

SCHANDWACHE

Weitergekommen ist man in der Sache aber noch nicht. Im Mai 2021 gab es einen runden Tisch, im November fällte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler nach Rücksprache mit Bürgermeister Michael Häupl die Entscheidung, dass es eine künstlerische Kontextualisierung geben soll. Die Angewandte, die bereits 2009 einen Wettbewerb ausgelobt hatte, mutmaßt eine Verzögerungstaktik: Die Ausschreibung wird erst im Herbst fertig sein. Kaup-Hasler rechnet mit einer Prämierung des Siegerprojekts im Laufe des Jahres 2023 ...

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare