Hat der Mensch einen freien Willen? Können Maschinen Bewusstsein erlangen? Wo ist der Sitz der Seele, falls es sie denn überhaupt gibt?
Es sind große Fragen, die in einer Zeit, in der das Thema Künstliche Intelligenz auch beim Cocktail-Smalltalk als Konversationsstoff taugt, unglaublich aktuell wirken. Dass sie doch eher schwer zu knackende Nüsse darstellen, sollte spätestens beim dritten Martini klar sein.
Tatsächlich begibt man sich im Grenzbereich von Technik und Bewusstsein in ein reiches Geflecht aus philosophischen, psychologischen, medizinischen und literarischen Überlegungen, das nur schwer zu fassen ist: Es ist jenes Gewirr, aus dem der Wiener Künstler TOMAK seit Jahren ein faszinierendes, mitunter überbordendes, aber stets prägnantes Werk herausgeschält hat.
Installationen
Es ist eine nicht ganz zufällige Fügung, dass die jüngsten Erzeugnisse dieses Bilderkosmos nun in einer ehemaligen Montagehalle für Industriemaschinen einen stimmigen Rahmen bekommen und als Installation wirken können: Das private Museum Angerlehner in Thalheim bei Wels hatte es TOMAK vor geraumer Zeit angetan, der dort jüngst neu bestellte Kurator Antonio Rosa de Pauli erarbeitete mit dem Künstler eine Schau, die als Resonanzraum für den gegenwärtigen Mensch-Maschinen-Diskurs hervorragend funktioniert.
TOMAK wurde in den Nullerjahren mit Zeichnungen bekannt, die eine Selbstbefragung und -Offenlegung wie am Seziertisch praktizierten: Das Gesicht des Künstlers selbst diente häufig als Motiv, zur Dekonstruktion dienten minutiös dargestellte chirurgische Geräte oder medizinische Darstellungen, aber auch Texte. Das Hadern mit der eigenen handwerklichen Perfektion und der selbst geschaffenen Ich-Marke schien sich danach oft in Übermalungen und Attacken auf das präzise bildnerische Instrumentarium auszudrücken.
Ein Angelpunkt im Denken des Künstlers, erklärt Kurator de Pauli, war der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie (1709–1751): Seine Ansage, dass der Mensch „nur eine aufrecht kriechende Maschine“ sei, lenkte den Blick auf die äußeren Impulse, die das menschliche Räderwerk in Aktion versetzen.
Was das „Außen“ genau ist, bleibt bei TOMAK abstrakt, ist manchmal bewusst grob ausgeführt – etwa mit Farbpatzern, die ein Organkonstrukt mit dem vielsagenden Titel „Prometheus“ zu torpedieren scheinen.
Sinnzusammenhänge
Was die Schau im Museum Angerlehner auszeichnet, ist der Umstand, dass Gedankengänge und korrespondierende Werkgruppen entlang von Blickachsen und Querbeziehungen direkt abgeschritten werden können – in einem schwarz-weißen Raumgefüge, das für die reduzierte Farbigkeit der Bilder wie geschaffen scheint. Dass TOMAK diesmal darauf verzichtet, sich als Künstlerperson bzw. als Kunstfigur ins Bild zu rücken, gibt dem Arrangement zusätzliche Klarheit.
Die Motive, die der Künstler zu Bildern agglomeriert, halten dabei stets sichere Distanz zur bemühten Gegenwärtigkeit: Neben Schnittzeichnungen (Nervenbahnen, Gehirne) taucht TOMAK den Referenzpinsel nun in die Ästhetik von Schaltplänen, Platinen und dem pixeligen Computerspiel „Space Invaders“, das mit zwei Werkgruppen an gegenüberliegenden Wänden Titel und Rahmen vorgibt („Game Over/Press Start“).
Eine grob mit den Händen gemalte Serie von Pixelfiguren, „Robots“ genannt, drängt gegen das Raster des Exakten, eine neue Werkgruppe, „Milbos“ genannt, sprengt dieses dann ganz: Mit drei riesigen Skulpturen und Werken auf Leinwand und Papier probiert TOMAK hier eine neue Form, die abstrakt scheint, aber doch mit einem Tentakel in der Welt des Figürlichen steht.
In der Schwebe
Formulieren die Dinger – von denen eines bezeichnenderweise am Maschinenkran hängt – die Unfähigkeit, die digitalen Mechanismen der Gegenwart mit Mitteln der Medizin, Mechanik oder Elektrotechnik darzustellen? Oder sprechen sie auch von der Hoffnung, dass jenseits der Stimulus-Verarbeitung Kreativität und Spiel möglich ist? Die Orgel der ästhetischen Tonlagen, die TOMAK im Museum famos spielt, entlässt einen mit einem Schwebeton, der noch lange anhält.
Bis 13. 10. Künstlergespräch am 28. 7.; Info & Öffnungszeiten: museum-angerlehner.at
Korrektur 10. 7. 2024: In einer früheren Version des Artikels wurde der Name des Kurators der Ausstellung falsch angegeben. Er heißt Antonio Rosa de Pauli, nicht Antonio Paula de Silva.
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