Kultur 05.12.2011

Ausstellung: Biertrinken als Kunstform

"Beziehungsarbeit - Kunst und Institution": Zum Jubiläum des Künstlerhauses zeigt Kurator Martin Fritz die Hassliebe der Künstler zu ihren Institutionen.

Ich kann so nicht arbeiten!" Die Künstlerin, die diesen Satz an eine Wand im Wiener Künstlerhaus gehämmert hat, dürfte wütend abgehauen sein: Hunderte Nägel stecken in der Wand und formen die Umrisse von Buchstaben ("I can't work like this"), unzählige weitere sind neben einem Hammer am Boden verstreut.

Der Frust ist, so scheint's, ein häufiger Gast in Kunst-Institutionen - nicht nur bei Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit allerlei Vorgaben herumschlagen müssen, sondern auch bei Besuchern: Sie empfinden das Ausgestellte nicht selten als "zu hoch" oder werden durch andere Barrieren - seien es ehrfurchtgebietende Absperrungen oder einfach das Wissen um Wert und Aura der Kunstwerke - im Kunstgenuss eingeschränkt.
Der Schau "Beziehungsarbeit - Kunst und Institution" im Wiener Künstlerhaus (bis 16.10.) gelingt es trotz ihres sperrigen Titels, auf erfrischende Art von diesen Reibeflächen zwischen Künstlern, Publikum und Einrichtungen zu erzählen.

Kenner

Die Guerrilla Girls beschwerten sich 2005 über die Frauenquote im New Yorker Metropolitan Museum: "Nur 3 Prozent der modernen Künstler, aber 83 Prozent der Akte sind weiblich"
© Bild: Guerilla Girls, Inc.

Mit Martin Fritz wurde ein echter Institutionen-Kenner als Ausstellungsgestalter eingeladen: Der einstige Leiter des Festivals der Regionen war u. a. Moderator im Diskussionsprozess zur Reform der Bundesmuseen, er war ein Favorit für den Rektorsposten der Wiener Akademie der Bildenden Künste und ist nun auch ein Bewerber für die Leitung des Wiener MuseumsQuartiers. Als Kurator konnte Fritz auf eine Kunstproduktion zurückgreifen, die in der Entwicklung der jüngsten Jahrzehnte bereits eine eigene Richtung bildet: Mit Hans Haackes Fotos der Kasseler documenta von 1959, auf denen u. a. gelangweilte Kinder vor Jackson-Pollock-Gemälden zu sehen sind, ist die so genannte "Institutionskritik" in der Ausstellung von Beginn an dokumentiert.

Die "Guerrilla Girls", die früh auf die ungerechte Geschlechterverteilung im Kunstbetrieb hinwiesen, sind ebenso vertreten wie Marcel Broodthaers, der sich ein fiktives Museum - inklusive einer "Abteilung für Adler" - ausdachte.
"Es wäre ein Fehler, darin reine Insider-Themen zu sehen", beteuert Martin Fritz, der durchaus Parallelen zwischen der Kunstwelt und einem Fußballclub samt seinen Verhältnissen zwischen Spielern, Funktionären, Fans und Stadion sehen kann: Hier wie da hänge es von einer Unzahl von Faktoren ab, wer Zugang hat, wer die Institution trägt und wer sie mitgestalten kann.

Biertrinken

Unter dem Motto "Der Akt des Biertrinkens mit Freunden ist die höchste Form der Kunst" praktiziert die Schau an jedem zweiten Freitag das Beisammensein als Form der Kunst-Teilnahme. Das Konzept stammt vom US-Künstler Tom Marioni, der auch die dazugehörige Installation (ein Bierrregal, ein Kühlschrank, eine Glühbirne) jenen Treffs nachempfand, die er von 1970 bis 1984 veranstaltete. Künstler Als eine von Künstlern getragene Institution stellt sich schließlich das Künstlerhaus selbst aus - mitsamt den oft mühsamen Entscheidungen, die über die Zukunft des seit Langem renovierungsbedürftigen Hauses am Karlsplatz getroffen wurden und werden.
In der aktuellen Debatte um eine mögliche Zusammenlegung mit der Kunsthalle herrscht derzeit Funkstille. Um so interessanter ist es, zu erfahren, dass der Verein 1966 ernsthaft überlegte, das Haus zu verkaufen: Es sollte einer klotzigen IBM-Zentrale Platz machen. Dass es dazu nicht kam, ist nicht zuletzt der zögerlichen Beschlussfassung der Künstlervereinigung zu verdanken.

( Kurier ) Erstellt am 05.12.2011