Kultur
17.11.2018

Aus dem Weg, hier kommen Sneakers

Was vor mehr als 100 Jahren begann, hat sich längst als Massenphänomen etabliert: Sneakers, also Turnschuhe, sind nicht nur bequem und angesagt, sondern auch neue Statussymbole.

Wer auf Sneakers, also Turnschuhen die Welt entdeckt, hat es einfacher. Luftig, gedämpft, federleicht und sportlich-elegant können damit die Wege des Alltags bewältigt werden. Und wer einmal einen kleinen Sprint hinlegen muss, um noch den Bus zu erreichen, ist mit Turnschuhen klar im Vorteil. Probieren Sie das mal mit Business-Schnürern, Kroko-Stilettos oder High Heels.

Dass man in Sneakers auch in Hochwassergebieten angemessen, beinahe lässig wie staatstragend durch den Schlamm kommt, zeigten die Trumps 2017 bei einem Besuch der Hochwassergebiete von Texas. Bei ihrer Tour durch Notunterkünfte trugen Donald Trump und seine Melanie nicht etwa Gummistiefel, sondern: Turnschuhe. Die Füße der First Lady steckten in weißen „Stan Smiths“ von Adidas, die des Präsidenten in einem schwarzen Modell von Nike.

Den royalen Ritterschlag erhielten sie kürzlich von Prinzessin Mary von Dänemark, die auf Staatsbesuch in Italien bei einem offiziellen Termin zum Kleid bequeme Sportschuhe trug. Va bene! Das geht sich style-technisch locker aus.

Aus heutiger Sicht ist es kaum noch nachvollziehbar, wie verpönt es einst war, Sneakers zum Abendkleid, zum Anzug zu tragen. Heute gilt: alles geht. Auch die Altersfrage stellt sich nicht mehr. Denn Best Ager und Vertreter der „Generation Y“ tragen oftmals dasselbe Modell.

Schleichen

Erstmals wurde der Begriff „Sneaker“ für Schuhe mit Gummisohlen und Segeltuchoberfläche um 1875 verwendet. Die Gummisohle ermöglicht dabei eine extrem leise Fortbewegung, daher auch der Name Sneaker, was so viel heißt wie „schleichen“.

Der Beginn des Sneaker-Siegeszugs datiert aus dem Jahr 1916: Der US-amerikanische Reifenkonzern Goodyear brachte unter dem Namen „Keds“ einen Stiefel mit einem besonderen Merkmal auf den Markt – anstatt der üblichen Lederleisten wurde eine glatte Sohle aus Kautschuk verwendet.

1917 entwickelte Converse den „All Star“ als Sportschuh, der 1923 vom Basketballprofi Chuck Taylor verbessert wurde: Um die Knöchel der Basketballspieler zu schützen, wurde auf die Innenseite der Schuhe ein Converse-Sticker aus Gummi mit der Unterschrift von Chuck Taylor genäht. Das reichte aus, um den Schuh zu einer Legende zu machen. 1936 gewann die US-Basketball-Nationalmannschaft sogar olympisches Gold in ihnen. Bis heute werden „Chucks“ beinahe unverändert produziert – und getragen. Von Punks ebenso wie von Managern.

Gummi

Der Aufstieg der Sneakers ist mit der Sportgeschichte eng verbunden: Der deutsche Sportartikelhersteller Adidas entwarf in den 1950er-Jahren mit dem „Samba“ einen Trainingsschuh für Fußballer, 1965 kam der nach dem US-Tennisspieler benannte „ Stan Smith“ auf den Markt. Puma konterte 1968 mit dem „Suede“. Als Sportler kam man damals an Adidas und Puma, an den Brüdern Adi und Rudi Dassler, ergo an Deutschland nicht vorbei. Im US-Basketball waren ab den 1980er-Jahren hingegen Nikes das Maß aller Dinge. Vor allem Superstar Michael Jordan warf ausschließlich in seinen „Air Jordan 1“ wichtige Körbe für die Chicago Bulls. Das Interesse an diesen Schuhen, jenen knöchelhohen, weißen Tretern aus Kunststoff und Gummi mit hellgrauem Rand und Sohle, war damals enorm. Was auf dem Spielfeld angesagt war, fand auch bald den Weg auf die Straßen der US-Großstädte. Wer cool, rebellisch sein wollte, trug Sneakers auch abseits des Turnunterrichts.

Neben den „Chucks“ und „Air Jordan“ haben auch die „Superstar“ einen Platz in der „Hall of Fame“. Zum Verkaufsschlager wurden die Schuhe, nachdem die New Yorker Hip-Hop-Crew 1986 sie zu ihrem Markenzeichen machten und ihnen mit „My Adidas“ einen Song widmeten. Der Übergang vom Sport- zum Lifestyleschuh war vollzogen.

All diese Schuhmodelle haben längst Kult-Status und werden heute noch immer in diversen Retro- und Neuauflagen verkauft – jährlich mehr als 26 Milliarden Paar. Laut einer Studie besitzt jeder Österreicher durchschnittlich drei Paar Sneakers. Sollten Sie das nicht glauben, dann schauen Sie den Menschen einmal auf die Füße.

Das Bild, das sie sehen werden, wird vielfältig sein, denn die Auswahl ist groß – für jeden Geschmack ist etwas dabei. Ob in Weiß oder Schwarz, in knalligen Farben, Pastelltönen oder im Glitzer- oder Metallic-Look. Es gibt welche in schön, in super-hässlich, solche in Leder, mit Nieten, geblümt oder Sneakers mit Edelweißmuster und Hirschleder-Optik. Man kann sich seine Schuhe auch nach seinem Geschmack designen und personalisieren lassen. Dadurch kann sich der Träger, die Trägerin der Schuhe individuell ausdrücken.

Das wollte offenbar auch Stefan Petzner, ehemaliger österreichischer Politiker und Lebensmensch Jörg Haiders, der mit seinen nicht gerade schlichten wie geschmackssicheren Flügel-Sneakers von Adidas 2012 für Aufsehen und Gelächter im Nationalrat (und darüber hinaus) sorgte.

Die weißen Nikes von Joschka Fischer, mit denen er sich damit vor mehr als 25 Jahre als erster Grüner Umweltminister der alten Bundesrepublik Deutschland angeloben ließ, waren zwar stilsicherer, aber 1985 reichte auch das schon für einen Mini-Skandal. Die Schuhe haben es übrigens ins deutsche Schuhmuseum geschafft. Diese Ehre blieb den grünen Turnschuhen von Mick Jagger, die der Rolling Stone bei seiner Hochzeit mit Bianca 1971 zum Dreiteiler trug, bislang verwehrt.

Statussymbol

Zeiten ändern sich – und mit ihr auch die Geschmäcker: Jeans, T-Shirt und Sneakers sind der Dresscode der jungen Generation, die gefühlt immer auf dem Sprung und flexibel ist wie nie zuvor. Das Leben ist situationselastischer geworden – und mit ihm auch die Schuhe.

Einige sogenannte Sneakerheads, so werden Turnschuh-Sammler genannt, können gar nicht genug Gummi bekommen. Während der Schrank voller Kartons mit zum Teil nie getragenen Modellen übergeht, ersteigern sie immer weitere Modelle, um damit auch zu handeln. Damit lässt sich nämlich gutes Geld verdienen.

Schuhe als Wertanlage, als Statement und (leistbares) Statussymbol für den meist männlichen Teenager: Nicht umsonst werden Sneakers gerne als die Handtasche des Mannes bezeichnet.

Je seltener ein Design, eine bestimmte Farbkombination, desto begehrter sind die Sneakers. Dieses Suchtpotenzial nutzen Hersteller auch geschickt aus und bringen immer neue Modelle auf den Markt. Zunehmend werden diese zusammen mit Stars, angesagten Sportlern oder Künstlern entworfen und beworben. Auf den Markt kommt das natürlich in einer streng limitierten Stückzahl, was zu einer künstlichen Preissteigerung führt. Bei all diesem Hype sollte man eines nicht vergessen: Es sind nur Schuhe.