Kultur 02.04.2012

Atemlos mit Cate Blanchett

Lotte sucht Anschluss. Eine Telefonzelle dient ihr als vorübergehender fester Wohnsitz, als gläserne Keimzelle flüchtiger Geborgenheit.

An der Wand das selbst gezeichnete Porträt des Ehemannes, der nur noch ihr Ex-Mann sein will. Neben dem Telefon ein Toilettespiegel, der das Ringen um die verblassende Schönheit widerspiegelt, das Aufbäumen gegen die voranschreitende Unsichtbarkeit. Im Telefonhörer der ewig gleiche Ton, aber keine Stimme. Kein Anschluss unter allen Nummern.

Lotte sucht Kontakt und verliert sich dabei selbst. Vom Mann rausgeschmissen, der Familie entfremdet, landet sie auf dem Abstellgleis, das sie konsequent mit dem Wartezimmer des Lebens verwechselt: Sie geht auf alle zu und prallt überall ab. Sie trifft Menschen, die ihre eigene, vermeintlich selbst gewählte Hölle der Einsamkeit oder – noch schlimmer – Zweisamkeit gegen Eindringlinge von außen verteidigen. Freier Fall unter die Kontaktarmutsgrenze.

Groß und klein, das beklemmende Mosaik des deutschen Dramatikers Botho Strauß, wurde 1978 in Westberlin uraufgeführt und kehrt heuer von der anderen Seite der Welt nach Europa zurück. Die „Sydney Theatre Company" hat es im November 2011 in der Übersetzung von Martin Crimp und unter der Regie von Benedict Andrews mit einem 14-köpfigen Ensemble in Australien auf die Bühne gebracht.

Cate Blanchett als Lotte ließ die Kritiker nach Superlativen ringen.

Vor allem Cate Blanchett als Lotte ließ die Kritiker nach Superlativen – und das Publikum nach Luft – ringen. Von einem „Karriere-Triumph“ der Oscar- und Grammy- Preis trägerin war da zu lesen; von Menschen im Publikum, die „noch Minuten nach Ende der Vorstellung kaum atmen“ konnten …

Lotte will sich sozial vernetzen. Auch heute, in der Welt sozialer Netzwerke, gelingt ihr das nicht. Die Aktualität des Stückes ist beinahe paradox. Lotte verstrickt sich in auswegloser Einsamkeit. Und die Telefonzelle als letzte Zuflucht wird es nicht mehr lange geben.

( Kurier ) Erstellt am 02.04.2012