Großartig: Eine hippe Familie aus Schweden auf Schiurlaub in Ruben Östlunds „Höhere Gewalt“

© © Plattform Produktion/Fredrik Wenzel/ZDF

Fernsehen
05/11/2020

Arte zeigt Werke aus Cannes: Keine Filme unter Palmen

Auf Arte läuft Schwerpunkt von Arbeiten, die auf dem Festival in Cannes Premiere feierten: Darunter Spike Lee und Ruben Östlund

von Alexandra Seibel

Dieser Artikel hätte eigentlich in Cannes geschrieben werden sollen. Anlass wäre die Eröffnung der 73. Filmfestspiele gewesen, die – lebten wir nicht in Zeiten der Pandemie – morgen dort starten würden.

Stattdessen gilt Cannes@Home: So nennt sich sinnfällig ein Fernsehschwerpunkt auf Arte, der leider in jeder Hinsicht wörtlich genommen werden muss. Denn heuer bleiben dank Corona tatsächlich alle zu Hause. Ob das bedeutendste Filmfestival der Welt in diesem Jahr doch noch in irgendeiner Form stattfinden wird, weiß niemand.

US-Regisseur Spike Lee hätte die Funktion des Jury-Präsidenten übernehmen und die Goldene Palme verleihen sollen. Und weil der Arte-Schwerpunkt traditionellerweise Filme zeigt, die in Cannes ihre Premiere feierten oder Preise gewannen, steht zum Auftakt Spike Lees „Do the Right Thing“ (Montag, 22.05 Uhr) von 1989 auf dem Programm.

„Do the Right Thing“ erzählt von den Spannungen zwischen einem italienischen Pizzeriabesitzer und schwarzen Homeboys in Brooklyn und gilt bis heute als Meilenstein der Filmgeschichte. Der damals erst 32-jährige Spike Lee spielte selbst eine Hauptrolle als Pizzabote, Public Enemy rappten ihr legendäres „Fight the Power“. Die Goldene Palme erhielt „Do the Right Thing“ allerdings nicht; sie ging an Steven Soderberghs „Sex, Lies, and Videotape“.

Ein Mann, dessen Karriere sich ebenfalls eng mit dem Filmfestival in Cannes verbindet, ist der unschlagbare Schwede Ruben Östlund. Seine alpine Beziehungssatire „Höhere Gewalt“ (Mittwoch, 20.15 Uhr) wurde 2014 in Cannes in der Reihe „Un Certain Regard“ mit dem Jurypreis ausgezeichnet und zählt locker zu den besten Filmen dieses Jahrgangs.

Hippe Schweden

In „Höhere Gewalt“ macht ein hippes Schwedenpärchen mit seinen Kindern Skiurlaub in den französischen Alpen. Als plötzlich eine Lawine abgeht, schnappt der Vater sein Handy und lässt Frau und Kinder alleine zurück. Zwar passiert letztlich nichts, doch danach ist alles anders. Papa ist ein Feigling, Mama ist sauer. In der Beziehung sitzt der Wurm drin.

Östlund ist ein visuell glasklarer Filmemacher und ein Meister der komisch-ironischen Geschlechteranalysen. Mühelos und unterhaltsam legt er die Dynamiken der modernen Paarbeziehungen frei: Wie er nonchalant den Leuten den Boden unter den Füßen wegzieht, muss man einfach gesehen haben.

Vor allem (schwedische) Männer und ihre Vorstellung von Männlichkeit geraten vorzugsweise in Östlunds scharfes Blickfeld. Ein Paradebeispiel dafür lieferte sein Nachfolgefilm „The Square“ (18.5., 20.15 Uhr), mit dem er sich 2017 die Goldene Palme in Cannes pflückte. In dieser beißende Satire auf die Stockholmer Kunstszene nimmt Östlund gezielt einen feschen Kunstkurator ins Visier, der den Diebstahl seines Handys nicht auf sich sitzen lassen kann. Der liberale, kunstsinnige Karrierist verwandelt sich zunehmend in einen schäumenden Wutbürger und verliert dabei komplett die Kontrolle über sein Leben. „The Square“ strotzt vor harsträubenden, bizarren (Samenraub-)Szenen, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Zudem zeigt Arte auch Östlunds zweiten Spielfilm „Involuntary“ (18.5., 23.35 Uhr) und die Kurzfilme „Zwischenfall vor einer Bank“ (19.5., 1.15 Uhr) und „Szene Nr. 6882 aus meinem Leben“ (19.5., 1.25 Uhr).

Niederschmetternd

Im selben Jahr wie „The Square“ lief auch das ruinöse Familienporträt „Loveless“ (Mittwoch, 22.10 Uhr) des Russen Andrey Zvyagintsev im Wettbewerb von Cannes und galt ebenfalls als großer Favorit. Zvyagintsev erzählt von einem noch jungen Moskauer Paar, das sich längst hasst. Beide wollen weg aus der Ehe, beide haben bereits neue Partner. Bleibt nur ein Problem: Wohin mit dem gemeinsamen Kind? Keiner will den Buben haben – doch als er plötzlich verschwindet, ist die Not groß. In kalten, niederschmetternden Bildern berichtet Zvyagintsev von einer Gesellschaft, die sich ausschließlich an Profit und Geldgier orientiert.

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