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Kultur
12/08/2019

Arnulf Rainer zum 90er: "Ich hab’ genug von meinem Gfries“

Der „Übermaler“, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, über seine Jugend im NS-Internat, sein Leben und seine „Blickrichtung“.

von Thomas Trenkler

Seit mehr als zwei Jahrzehnten lebt Arnulf Rainer mit seiner Frau Hannelore Ditz im Winter auf Teneriffa. Anlässlich seines 90. Geburtstags empfing er den KURIER in seinem Bungalow. Vor den beiden Terrassen liegt der Atlantik, der Boden ist mit Klecksen übersäht, die Farbspritzer korrespondieren mit dem Grün der Pflanzen, den Gelbtönen der Umgebung und dem Blau des Wassers.

KURIER: Diese Terrassen sind also Ihr Atelier?

Arnulf Rainer: Ja. Ich lege die Leinwände am Boden aus. Mit einem Farbkübel streife ich zwischen den Bildern hin und her. Und immer wieder spricht ein Bild zu mir: „Ich bin nicht fertig, ich brauche hier oder dort diese und jene Farbe.“ Und ich sage: „Wenn ich dazu aufgefordert bin, muss ich dem nachkommen.“ Das ist zwar kein Befehl, aber meine Hand zuckt sofort – und ich mache diesen Strich.

Den Sommer über leben Sie in Oberösterreich. Verwenden Sie dort andere Farben?

Ich überlasse meinem Unterbewusstsein, zu welchen Farben ich greife. Ich nehme mir nichts vor.

Das Meer, die roten Gesteinsformationen, die Vegetation haben keine Auswirkungen?

Meine Frau sagt, sie erkenne an den Farben, wo etwas entstanden ist. Ich bemerk’s nicht. Oder sagen wir: Es ist mir nicht so bewusst. Auf mich wirken die weißen Flächen der Bilder oder die angefangenen Farbflächen. Ich konzentriere mich nur darauf – und nicht auf irgendwelche Umgebungsfarben.

Sie verwenden viel mehr Pastelltöne als früher. Womit hängt das zusammen?

Ich weiß nicht. Vielleicht weil die Farbtöpfe noch nicht geleert sind. Und wenn eine grelle Farbe da ist, scheue ich nicht, sie zu verwenden.

Das Schwarz ist jedenfalls weniger geworden.

Ja, es hat sich ins Dunkle gewandelt. So wie es auch das Farbdunkel gibt.

Sie wurden am 8. 12. 1929 in Baden geboren. Und Sie hatten einen Zwillingsbruder?

Wir waren zweieige Zwillinge. Er war Jurist und hat immer Recht behalten müssen. Schon als Kind. Wir kamen ins Internat nach Traiskirchen. Er war, im Unterschied zu mir, ein guter Schüler, immer viel gescheiter und er hatte die besseren Noten.

Haben Sie sich daher auch viel gestritten?

Nur im Kinderwagen. Es geht immer um den Platz.

Von 1940 an besuchten Sie in Traiskirchen die Nationalpolitische Erziehungsanstalt. Dort gab es NS-Drill.

Genau. Ich habe dieses Marschieren, die Appelle, die Ideologie nicht ausgehalten – und dieses Immer-in Gemeinschaft-Sein. Ich habe mich versteckt, bin aufs Klo, damit man mich nicht findet. Ich hab’ all das einfach nicht aufnehmen wollen. Oder „apperzipieren“, wie es beim Doderer heißt. Ich sagte, ich will Künstler werden – und das vertragt sich nicht mit dieser militärischen Erziehung.

Warum haben Ihre Eltern Sie überhaupt in dieses Internat gegeben?

Sie dachten sich, dass wir dort toll erzogen werden – mit Reiten und Schwimmen.

Konnten Sie Ihren Eltern nicht sagen, dass Sie dort unglücklich sind?

Sie haben es auch gemerkt. Es fällt ja auf, wenn sich einer immer vor dem Marschieren drückt. Meine Mutter war Französischlehrerin in der Schweiz gewesen. Sie hat mich unterstützt. 1944 bin ich weggegangen. Das war sehr schwierig, denn ich hatte keinen Sechser. Eigentlich wollte ich auf die Kunstgewerbeschule in Wien. Aber sie wurde gerade geschlossen, ich konnte gar nicht anfangen. Ich war dann kurze Zeit in Baden im Gymnasium. Und dann wurde auch das geschlossen.

Kurz vor Kriegsende müssen Sie einberufen worden sein.

Ja, im März 1945. Die Russen waren bereits in Eisenstadt. Ich wollte aber nicht an die Front, ich habe mich gefürchtet. Meine Mutter sagte, ich soll abtauchen. Ich traute mich aber nicht, den Zug zu den Verwandten nach Klagenfurt zu nehmen. Wegen der Kontrollen. Ich fuhr also mit dem Rad.

Und Ihr Bruder?

Er blieb ja im Internat. Die Schüler bekamen Gewehre und mussten an der jugoslawischen Front kämpfen. Aber mein Bruder hat überlebt. Ich ging dann in eine technische Gewerbeschule. In dieser Zeit habe ich die Maria Lassnig kennengelernt. Sie war schon wer im Kärntner Kunstbetrieb. Und sie hatte gerade den Michael Guttenbrunner nackt gemalt – das war ein Mords-Provinzskandal.

Lassnig war zehn Jahre älter. Sie waren mit ihr „liiert“?

Es war ein Liebes- und vor allem Streitverhältnis.

Weil sie so kompliziert war.

Ja. Ich sagte: „Um Gottes Willen, ist das schwierig mit den Frauen!“ Und ich dachte mir: Ich setz mich ab!

Haben Sie von ihr etwas lernen können? Oder entwickelten Sie sich parallel?

Es war eine gegenseitige Herausforderung.

Gab es zwischen Ihnen auch einen Wettstreit, wer es eher an die Weltspitze schafft?

Damals hat man nicht an die Weltspitze gedacht!

Arnulf Rainer Revue 1.0

Im September 2009 wurde das Arnulf Rainer Museum in Baden eröffnet. Helmut Friedel kuratierte die Jubiläumsschau, ein verdichteter Rückblick auf die Ausstellungen des letzten Jahrzehnts: Anhand von 90 großartig gehängten  Werken aus acht Jahrzehnten bietet  sie einen umfassenden Einblick in Rainers  viel- fältiges Schaffen. Bis 26. April

Arnulf Rainer. Eine Hommage

Anlässlich des 90. Geburtstags präsentiert die Albertina eine Auswahl aus ihren umfangreichen Beständen des Künstlers. Im Mittelpunkt stehen Beispiele der frühen Übermalungen und Kreuze, eine Auswahl aus der umfangreichen Werkgruppe der „Face Farces“ sowie eine Serie von „Schleierbildern“. Die Ausstellung läuft bis 19. Jänner.

Arnulf Rainer Farbenrausch

Seit 1979 hat Arnulf Rainer 30 Mal in der Galerie Ulysses (Opernring 21 in Wien) ausgestellt. Dessen 90. Geburtstag würdigt die Galerie mit zwei unterschiedlichen Werkzyklen: Im Erdgeschoß sind Hand- und Fingermalereien aus den 1990er zu sehen,  im ersten Stock Beispiele aus dem Schaffenszyklus 2015/16. Bis 31. Jänner.

 

Und später?

Maria Lassnig unterrichtete an der Angewandten, Sie an der Akademie. Wir hatten nicht viel Kontakt. Sie war eine richtige Lehrerin, sie hat sich um jeden Schüler einzeln gekümmert. Ich hab’ immer nur gesagt: „Machen Sie endlich etwas, was noch nie jemand davor gemacht hat!“ Was nicht so leicht ist.

1949 gingen Sie zurück.

Meine Eltern hatten in Gainfarn bei Baden eine Villa mit einem kleinen Weingut. Mein Vater hatte nach dem Tod meiner Mutter noch einmal geheiratet. Er lebte in Kärnten und wollte nicht wieder zurück. Meine drei Geschwister, ich hatte zwei Brüder und eine Schwester, studierten. Und so wurde ich hingeschickt. Ich habe mich dort ausgebreitet. Es gab fast keine Möbel. Bis 1959 hab’ ich dort gelebt und gemalt.

Sie wurden an der Angewandten genommen, blieben aber nur einen Tag.

Dann versuchte ich es am Schillerplatz. Albert Paris Gütersloh hat mich aufgenommen. Aber dann habe ich erfahren, dass man mit abstrakten Bildern keinen Abschluss bekommt. Sie waren bloß geduldet. Der Josef Mikl hat dann plötzlich figurative Formen hineingemalt. Ich konnte aber nicht meine Arbeit ändern. Und ich hatte auch nicht die Chuzpe zu sagen, dass ich ein schwarzes Haus in der Nacht gemalt hätte. Also bin ich auch von der Akademie gegangen.

Es gelang Ihnen nicht, Ihre Bilder zu verkaufen. Sie gaben aber nicht auf – und lebten in ziemlicher Armut.

Der einzige Nazi-freie Kunstverein war der Art Club. Aber die haben mich nicht akzeptiert. Und ich hab’ auch nie einen Auftrag von der Gemeinde Wien bekommen. Die anderen Künstler haben sich mit figurativen Fassadengestaltungen durchgefristet; aber bei meinen Entwürfen hat man nur den Kopf geschüttelt. Ich hab’ daher im Winter Schnee geschaufelt. Und vom Pächter des Weingartens bekam ich jedes Jahr Wein. Mit dem hab’ ich gehandelt. Ich hatte überhaupt keinen Geschmack für Wein, konnte nicht verstehen, was die Leute an ihm finden. Ich weiß nur: Ich hab’ sehr gepanscht. Und dann wurde Gainfarn verkauft; jeder der vier Geschwister hat einen Anteil bekommen. Um meinen hab’ ich die Ablöse für ein Atelier in der Wollzeile – über dem Simpl – bezahlen können. Ich musste aber noch von irgendwas leben. Und so beschloss ich, im Atelier einen Altwarenhandel aufzuziehen. Ich fuhr in die Umgebung von Wien und sammelte altes Glumpert, das ich zwischen meine Bilder gehängt hab’. Ich dachte mir: Vielleicht habe ich ein Glück – und die Leute kaufen lieber die Bilder. Sie waren gleich teuer wie die Antiquitäten. Die Leute sind auch gern zu diesen Partys gekommen. Es gab ja damals nicht viele Angebote. Aber verkauft hab’ ich nix von meinen Sachen.

Die ersten Übermalungen kamen auch deswegen zustande, weil Sie Ölgemälde am Naschmarkt und im Dorotheum gekauft haben.

Sie waren eben viel billiger als neue Leinwände. Das, was draufgemalt war, musste ich langsam ins Dunkle versinken lassen.

Die ersten Erfolge kamen ab 1955 mit Ausstellungen bei Monsignore Otto Mauer in der Galerie nächst St. Stephan. Was war eigentlich Ihr wirklicher Durchbruch?

Den hatte ich eigentlich gar nicht. Ich hab’ mit der Galerie nächst St. Stephan zusammengearbeitet. Das ging gut, bis Oswald Oberhuber sie übernommen hat. Wir haben uns nicht vertragen, und so bin ich gegangen. Wichtig waren zum Beispiel die Ausstellungen im Lenbachhaus und in der Berner Kunsthalle 1977. Und dann wurde es international.

Sie haben die Werke anderer übermalt. Aber es gab auch viele Gemeinschaftsarbeiten, etwa mit Günter Brus. Mit wem haben Sie am besten kooperiert?

Mit dem Dieter Roth. Das war der Versuch eines dialogischen Arbeitens. Er war der Großzügigste.

Wichtig sind Ihre Fotoübermalungen. Warum gibt es keine Face Farces mehr?

Ich hab’ genug von meinem Gfries.

Hat Egon Schiele Sie auf die Idee gebracht? Auch er hat oft Grimassen geschnitten.

Es ist möglich, dass ich seine Zeichnungen kannte. Aber er hat mich nicht beeinflusst. Ein Spiegel hing mir beim Zeichnen gegenüber. Immer, wenn ich aufgeschaut habe, habe ich mein Gesicht gesehen. Ich dachte mir, dass ich die Arbeit viel rationeller machen könnte. Eben mit einem Foto. Aber dann hab’ ich gemerkt, dass die Fotos nicht intensiv genug sind. Daher habe ich ins Foto hineingezeichnet und die Linien akzentuiert. Auch die Fotos sind immer dunkler geworden.

Die Personale 1989 im Guggenheim-Museum war ein besonderer Höhepunkt?

Natürlich. Das war eine Ausnahme-Ausstellung – vor allem für einen Künstler, der nicht in New York lebt.

Dominant waren im Guggenheim Museum die Kreuzbilder. Mit ihnen assoziiert man sofort Arnulf Rainer.

Obwohl es gar nicht so viele gibt. Die zentrale Form ist für mich das Rechteck.

Die Kreuzform hat aber schon etwas Religiöses?

Ich habe in den 50er-Jahren sehr viel über christliche Mystik gelesen, ich war besonders beeindruckt vom Johannes vom Kreuz. Das war der Einstieg.

Sind Sie gläubig?

Nicht im konfessionellen Sinn. Ich bin kein frommer, aktiver Katholik. Aber ich glaube, dass es eine Blickrichtung gibt.

Können Sie mir das genauer erklären?

Das Religiöse ist für mich als Maler eine Blickrichtung. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich lass das so stehen.

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