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Kultur
01/01/2019

Arik Brauer zum 90er: „Alles, was im Leben wichtig war, ist jetzt wurscht“

Prägend für die Wiener Schule des Phantastischen Realismus und den Austropop in den 1970er-Jahren, feiert der Künstler am 4. Jänner Geburtstag.

Nach wie vor entstehen farbintensive Ölbilder. Arik Brauer: „Ich kann nicht anders. Malen ist mein Leben.“

KURIER: Woran arbeiten Sie im Moment?

Arik Brauer: An allem. Ich habe drei Ausstellungen vor mir. Ich mache ein Bühnenbild für den Rabenhof. Im März erscheint ein neues Buch: „A Jud und keck a no“. Der Titel ist nicht von mir. Aber das habe ich öfter gehört. Fad wird mir nicht.

Um ein keckes Wort waren Sie ja nie verlegen, wenn es darum ging, Wahrheiten auszusprechen, menschliche Schwächen zu entlarven oder Missstände in Politik und Gesellschaft zu benennen. 90 Jahre ...

... 90 ist nur eine Zahl. Im vorigen Jahr bin ich mit meinen Enkelkindern noch Ski gefahren. Dabei habe ich auf einer Piste herumzurutschen mein ganzes Leben verachtet. Aber ab einem gewissen Alter kann man nicht mehr Bergsteigen im Winter.

Hat das Alter auch Vorteile?

Ja, wenn man nicht krank ist, leidet und sich geistig vermindert, davor hat ja jeder zu Recht Angst, dann hat es große Vorteile. Denn so frei war ich noch nie. Alles, was im Leben wichtig war, ist jetzt wurscht. Nicht die Kinder, meine Frau und die Welt, weil ich dafür bin, dass alle glücklich sind. Aber das Streben nach Vorwärts-Kommen und Leistungen-Vollbringen hört sich auf, das doch bei jedem Menschen vorhanden ist, der tätig sein will. Was ich kann, habe ich gemacht. Ich werde noch ein paar Bilder malen. Und wenn ich Glück habe, wird das nicht viel schlechter als das, was ich in der Vergangenheit gemacht habe.

Was war der größte Verluste in Ihrem Leben?

Mein Vater. Ich bin mit zehn Jahren nach der Schule zu ihm in die Werkstatt gegangen, habe dort mit ihm gegessen, die Aufgaben gemacht und gezeichnet. Da habe ich auch jiddisch gelernt. Denn er hat zu Hause Deutsch mit Akzent gesprochen, aber in der Werkstatt waren immer auch Leute aus Litauen oder Polen. Da wurde jiddisch gesprochen, was man als Kind schnell lernt. Das war ein Einschnitt, als er plötzlich weg war.

Ermordet im Winter 1944 in einem Vernichtungslager in Lettland.

Ja. In einem Brief erkundigte sich mein Vater noch aus dem Konzentrationslager, ob ich weiterhin male. Diesen Brief habe ich noch.

Hinterlassen wir die Welt unseren Kindern besser, als wir sie erlebt und erfahren haben?

In vielem schon. Was für Jahrtausende ungelöste Probleme waren, wurde gelöst. Es essen sich mehr Menschen satt als je zuvor. Es gibt mehr Freiheiten in einem großen Teil der Welt als je zuvor. Aber was auf uns zukommt, ist eine Klimakatastrophe. Und wir sind nicht imstande, sie aufzuhalten. Unsere Enkelkinder werden damit bereits konfrontiert werden, und die Urenkel ganz bestimmt. Meine Fantasie reicht nicht aus, mir vorzustellen, was da sein wird. Aber es kommt meist anders, als man glaubt. Es wird sich allerlei verschieben. Riesige Kontinente in Sibirien und Kanada werden bewohnbar und fruchtbar werden.

Die politische Weltlage ist schon jetzt viel unsicherer?

Nicht wirklich. Während der Kuba-Krise standen wir zwei Millimeter vor einem Atomkrieg. So gemütlich war das nicht, im Gleichgewicht des Schreckens zu sitzen, wie es Hugo Portisch nannte. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, die besser war als jetzt. Die Entwicklung geht in Wellen vor sich. Zweifellos ist jetzt ein Tief, weil Dinge im Laufen sind, die die Leute sehr berühren. Die Einwanderung aus der Dritten Welt wird noch viel stärker werden.

Mit dem Sturz der alten Despoten wurde der ganze Nahe Osten unsicherer. Und Israel?

Israel ist in Lebensgefahr. Ununterbrochen. Wenn jemand dort heute 70 Jahre alt ist, hat er noch keinen einzigen Tag in Frieden erlebt. Die Fehler, die aus meiner Sicht natürlich auch Israel begangen hat, sind dramatisch für das Image und für die Moral der Bevölkerung. Aber es hätte nichts geändert, wenn man anders gehandelt hätte.

Keine Aussicht auf Frieden?

Frieden wäre für viele, würden alle Israeli ihre Koffer packen und das Land verlassen oder sich im Mittelmeer ertränken. Eine andere Lösung kann sich die andere Seite nicht vorstellen. Die wollen dieses Land nicht. Nicht in diesen Grenzen und nicht in anderen Grenzen. Sie haben für dieses Ziel von Anfang an sehr viel geopfert. Und es besteht für sie kein Grund, das Ziel aufzugeben, diesen Staat weg zu bekommen. Damit hat es ja begonnen. Sie wollen diesen Staat nicht. Und zwar nicht weil er jüdisch ist, sondern weil er westlich ist. Die Juden stören sie nicht, weil sie ihnen ähnlich sind, vor allem die Fanatiker, die dieselben Bärte und dieselbe Abneigung gegen Schweinsschnitzel haben.

Neue Unruhe bringt, dass Donald Trump Jerusalem offiziell als Hauptstadt Israels anerkannt hat.

Was völlig überflüssig ist. Es wird sich nichts ändern. Alles, was mit Jerusalem zu tun hat, schaltet die normale Vernunft aus. Die Stadt ist natürlich in Wirklichkeit geteilt. Aber wenn man die jüdische Geschichte und Religion kennt, weiß man: Die hat in Jerusalem tiefe Wurzeln.

Und was stört Sie aktuell am österreichischen Parlament?

Zum einen die Bremserei in Bezug auf Europa. Dass sie zwar sagen: Ja, schon Europa. Aber sie nur eine gut funktionierende Ökonomie meinen. Und glauben, dass man so die österreichischen Interessen gegen China vertreten kann. Und dann dieser Philosemitismus, der sich plötzlich auch in der FPÖ breitmacht. Des is a Hetz und kost net viel. Es gibt in Österreich höchstens 7000 Juden, die sich als Juden deklarieren. Eine politische Relevanz hat der europäische Antisemitismus nicht, soweit er noch vorhanden ist.

Aber Sie warnen vor einem durch arabische Zuwanderer importierten Antisemitismus.

Ja. Ohne zu verallgemeinern kann man sagen: Die Araber haben ein Problem mit uns, und wir eines mit ihnen. Die werden als Kinder schon genauso geprägt von ihrem Elternhaus wie ich von meinem. Die Araber fühlen sich gedemütigt, sie haben Kriege verloren. Das halten Araber schlecht aus. Die meisten arabischen Länder haben Landkarten, auf denen Israel nicht vorkommt.

Die größte Revolution, die es überhaupt je gab ...

... ist die der Frauen. Das ist nicht eine Rasse, Klasse oder Religion, das ist die Hälfte der Menschheit. Die hebt den Kopf jetzt. Und in einem Teil der Welt haben sie ihn schon oben. Wenn im Amalthea-Verlag vor einigen Jahren nur Herren saßen, und die Mäderln haben den Kaffee gebracht, so sind dort jetzt nur mehr Frauen. Und wenn ich noch ein paar Jahre lebe, werden dort Burschen den Frauen den Kaffee bringen. Um das zu erreichen, mache ich in Salzburg die Ausstellung „Frauenschicksale“.

Arik Brauer zum 90er: Sendungen im ORF

  • Brauer in ORF2 am 3. 1. mit Otto Schenk in „Stöckl“ (22.30 Uhr)
  • am 7. 1. in Sharon Nunis Porträt „Ich will nur Geschichten erzählen“ (23.30 Uhr)
  • am 8. 1. in Helene Maimanns „kreuz und quer“-Film „Arik Brauer. Eine Jugend in Wien“ (22.30 Uhr)
  • in ORF III am 6. 1. in „Arik Brauer im Gespräch“ (21.45 Uhr) und „Arik Brauer. Eine Jugend in Wien“ (22.35 Uhr).

Ausstellungen und mehr

Ausstellungen gibt es in der Kunsthalle Erfurt: „Arik Brauer. Phantastisch-realistisch. Ein Lebenswerk“ (19. 1. – 31. 3.); im Salzburg Museum/Neue Residenz: „Arik Brauer: Frauenschicksale“ (22. 2. – 22. 4.); und im Jüdischen Museum Wien: „Arik Brauer“ (3. 4. – 20. 10.). 

In „Arik. Die wunderbar realistische Welt des phantastischen Herrn Brauer“ (Premiere: 4. 1. im Rabenhof) erzählt Tochter Ruth Brauer-Kvam das bewegte Leben ihres Vaters, den musikalischen Part übernimmt ihr Ehemann Kyrre Kvam.

Für Timna Brauer, die ab 7. 1. durch die Privatsammlung von Arik Brauer in seinem Museum im Untergeschoß seiner Villa, 18., Colloredogasse 30, führt, ist jedes Bild „eine große Erzählung, die den Betrachter auf Entdeckungsreise schickt“. In all seinen Bildern sind Themen wie Umwelt, Emanzipation und das Alte Testament, das er als „fantastischen Realismus pur“ bezeichnet, zu finden. Und natürlich Elend, Verfolgung und jene Kriege, die der Künstler selbst hautnah erlebt und überlebt hat.   Termine der Führungen sind hier zu finden.