Ari Rath zu Lebzeiten

© honorarfrei/Paul Zsolnay Verlag - I.Hilzensauer

1927 - 2017
01/13/2017

Ari Rath im Alter von 92 Jahren in Wien gestorben

Von den Nazis 1938 vertrieben, stieg der 1925 in Wien geborene Journalist zum Chef der "Jerusalem Post" auf. Er starb am Freitag in Wien.

von Helmut Brandstätter, Georg Leyrer

„I am a fighter, ich mache weiter“, so hat Ari Rath Freunde begrüßt, die ihn in den letzten Tagen im Wiener Allgemeinen Krankenhaus besucht haben. Vor einigen Wochen war er aus Jerusalem wieder nach Wien gekommen, die Ärzte haben ihm noch eine neue Herzklappe eingesetzt. Aber in der Nacht zum Freitag hat das Herz des kämpferischen Löwen aufgehört zu schlagen. Er wird in Israel begraben werden.

> > Kommentar von Helmut Brandstätter: "Danke Ari, Du Kämpfer"

Flucht und Rückkehr

Israel war seine Heimat, aber er war, wie er immer sagte, auf drei Kontinenten zu Hause, weil er auch viel in den USA unterwegs war. In den letzten Jahren ist er auch gerne in seine Geburtsstadt Wien zurückgekommen. Von seinem Zimmer im 20. Stock des AKH konnte er auf den neunten Bezirk hinunterschauen, dorthin, wo Arnold am 6. Jänner 1925 auf die Welt gekommen ist, wo er einmal eine Heimat hatte, die ihm als Kind genommen wurde. Ins Spitalszimmer kam auch seine Bridgerunde. Ständig läutete das Telefon, einmal war es der Bundeskanzler, dann eine Freundin aus Helsinki.

Ein aufregendes Leben ging dort zu Ende, wo es begonnen hatte. Es war eine lange Reise, gekennzeichnet von Verfolgung und Flucht, aber auch von Aufbau einer neuen Heimat und Rückkehr zu den Ursprüngen.

Am Alsergrund, in der Porzellangasse, verbrachte er mit seinem Bruder Maximilian eine normale Kindheit, aber schon mit 4 Jahren verlor er die Mutter durch Freitod und schließlich wurde er in seiner Heimatstadt als Jude drangsaliert und verfolgt. Und zwar schon ab 1934, als unter dem Dollfuß-Regime im Gymnasium in der Wasagasse sogenannte „Judenklassen“ eingeführt wurden. Offizielle Begründung: Jüdische Kinder seien oft „zu vorlaut“.

Ari Rath beschreibt das in seiner 2012 erschienenen Autobiografie „Ari heißt Löwe“. Dort erzählt er auch, wie er am 11. März 1938 mit einem Freund noch für die Vaterländische Front von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg und gegen die Nazis demonstrieren wollte, von einem Lehrer daran gehindert wurde und schließlich doch noch Flugzettel verteilte. Dabei war es Schuschnigg, der als Unterrichtsminister im Jahr 1934 die Verordnung zur Einrichtung der „Judenklassen“ erlassen hatte.

Aber der 13-Jährige hoffte noch auf die Unabhängigkeit Österreichs und er wusste von Verwandten in Deutschland, dass die Nazis ihn nicht nur diskriminieren, sondern seiner Familie und allen Juden nach dem Leben trachten würden.

Bald nach dem Einmarsch der Nazis wurde sein Vater verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht, und als dann Hitlerjungen ihn zur Zwangsarbeit mitnehmen wollten, rettete ihn nur ein Sprung vom Lastwagen. Am 31. Oktober 1938 flüchtete er mit seinem Bruder über Triest nach Palästina. Denn in Wien, so Ari Rath später, hätten er und sein Bruder „eine Art instinktiven Zionismus entwickelt: Wenn wir weggehen, dann in ein Land, aus dem man uns nie wieder vertreiben kann“.

Die erste Zeit verbrachte Ari Rath im Kinder- und Jugendheim „Ahawa“ bei Haifa. Dann lebte er 16 Jahre lang im Kibbuz Hamadia im Jordantal.

Zusammenleben

Seine Berufung fand er im Journalismus. „Ich war immer politisch neugierig, habe auch Zeitung gelesen, schon mit acht, neun Jahren.“ Als Journalist gehörte er gemeinsam mit dem späteren Minister- und Staatspräsidenten Präsidenten Schimon Peres und dem (1995 ermordeten Ministerpräsidenten) Yitzhak Rabin zum engen Kreis um Ben Gurion. Er wurde zum vehementer Verfechter der friedlichen Koexistenz von Israelis und Palästinensern.

Zum Nachkriegs-Österreich hatte Ari Rath, wie er selbst sagte, „ein sehr, sehr kompliziertes Verhältnis“. Ob er sich wieder als Österreicher fühle, wurde er einmal gefragt. „Nein. Alles, was mir lieb war, wurde mir 1938 genommen, weil ich Jude war.“ Zuletzt wurde er milder: „Wenn man über 80 ist, wird man ein bisschen weicher und geduldiger“.

2007 nahm Rath die österreichische Staatsbürgerschaft wieder an, 2011 wurde er mit dem Großen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich geehrt. Seinen Lebensabend verbrachte Rath zum Teil im Wiener Maimonides-Heim.

„Ari heißt Löwe“ schließt mit dem Satz: „Mein sehnlicher Wunsch ist es, den Aufbruch zum Frieden in meiner Heimat noch zu sehen.“
Darauf hat er vergebens gewartet.

Reaktionen

"Ari Raths Berichte haben nicht nur den Antisemitismus vor 1945 umfasst. Er schilderte auch den über viele Jahre beschämenden Umgang Österreichs mit der NS-Zeit in der Zweiten Republik. Ari Raths Worte prägten viele, vor allem junge Menschen. Bis ins hohe Alter setzte er sich mit aller Kraft gegen Rassismus, Antisemitismus und Intoleranz in unserer Gesellschaft ein. Dafür können wir ihm nicht dankbar genug sein." Doris Bures, Nationalratspräsidentin

"Ari Rath hat immer den Kontakt zu den jungen Menschen gesucht, um sie für seinen engagierten Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Xenophobie zu gewinnen. Als Angehöriger der jüngeren Generation ist es mir ein besonderes Anliegen, Ari Raths Andenken auch dadurch zu ehren, dass wir seinen Einsatz für Toleranz und Verständigung weiterführen." Sebastian Kurz, Außenminister

"Ari Rath schrieb in vielen Facetten über Jahrzehnte hinweg Geschichte.... Er stritt für die Freiheit und trat mit den Mitteln des Wortes gegen die Schattenseiten der menschenverachtenden Ideologien auf. Er war im besten Sinn ein Mann der Aufklärung, der selbst unter den widrigsten Umständen niemals bereit war, die Hoffnung aufzugeben oder für sie einzutreten." Thomas Drozda, Kulturminister

"Nicht nur seine persönlichen Erlebnisse, sondern auch der spätere Umgang Österreichs mit der Geschichte haben Ari Rath zu einer skeptischen und kritischen Haltung bewogen. Seine Versöhnung mit Österreich und Rückkehr nach Wien bedeutete nicht nur für unsere Jüdische Gemeinde eine große menschliche und intellektuelle Bereicherung. Ich habe Ari Rath als einen unermüdlichen Kämpfer für Toleranz und Versöhnung gekannt, er wird uns sehr fehlen." Oskar Deutsch, Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde