© Brescia e Amisano © Teatro alla Scala

Kritik
12/08/2021

Anna Netrebko: Primaballerina statt Primadonna

Giuseppe Verdis „Macbeth“ zur Saisoneröffnung an der Mailänder Scala – die erste Großpremiere unter der Intendanz von Dominique Meyer mit einer tanzenden Anna Netrebko.

von Gert Korentschnig

Seit 70 Jahren findet die Inaugurazione der Mailänder Scala, die traditionelle Saisoneröffnung, am 7. Dezember, dem Tag des Stadtheiligen Sant’Ambrogio statt. Zum ersten Mal war Dominique Meyer, der zehn Jahre lang die Wiener Staatsoper geleitet hatte, als Intendant dafür verantwortlich. Auch wenn das Publikum, das bis zu 3000 Euro für ein Ticket bezahlt hatte, am Ende der Neuproduktion von Verdis „Macbeth“ Einwände gegen die Regie äußerte, ist Meyer mit dieser Premiere ein Wurf gelungen. Was sich in diesen dreieinhalb Stunden (gespielt wird die längere Fassung von 1865) auf der Bühne abspielt, ist interpretarisch faszinierend und bietet mehr Schauerlebnisse als die meisten Wiener Premieren unter Meyer zusammengerechnet.

Daraus jedoch abzuleiten, dass Meyer, der Wien als zu konservativ galt, für Mailand immer noch zu modernistisch sei, wäre zu früh: Die Besucher der Inaugurazione, die societymäßig an eine Mischung aus Salzburger Großpremiere und Wiener Opernball erinnert, lieben es besonders klassisch.

Die Inszenierung

Davide Livermore führt Regie und siedelt das schottische Stück nicht im Mittelalter, sondern im 20. Jahrhundert an. Es gibt Referenzen an die 1910er Jahre, als Malewitsch mit dem „Schwarzen Quadrat“ gegen die Kapitalisierung des Kunstmarkts protestierte. An die 1950er Jahre, als sich die Macht des Geldes besonders stark etablierte – der Thron der Könige ist diesmal ein Eames Chair. Und die Inszenierung reicht thematisch bis in die Gegenwart, weil Macbeth ein Immobilien-Tycoon im Stil eines Donald Trump ist. Anders als dieser besitzt er offenbar Skrupel.

Das Spektakulärste – und der Star des Abends – ist die Szenerie der Architektengruppe von Giò Forma. Sie bespielt die Bühne mit riesigen Stahlkonstruktionen, einem Lift, mit dem die Protagonisten auf und ab fahren und mit Videowänden, auf denen die meiste Zeit über Filme (von D-Wok) ablaufen. Zu viel Film kann ja durchaus nerven in der Oper, diesmal jedoch verwandelt sich der Wald von Birnam phänomenal zur Skyline einer Großstadt, es gibt ständig Perspektivenwechsel, Blitze, zerberstendes Glas und einen somit perfekten Videoteppich, auf dem die Geschichte von Macht, Machtgier und Korrumpierbarkeit durch Macht ausgerollt wird. Visuell reist man von Fritz Lang und Orson Welles zu Marvel-Filmen und den „Transformers“.

Die Musik

Das ergibt eine erstklassige Inszenierung – und gemeinsam mit der musikalischen Gestaltung durch den (die ganze Aufführung hindurch Maske tragenden) Dirigenten Riccardo Chailly eine Topproduktion. Chailly fokussiert sich mit dem famosen Orchester auf die Abgründe, die Schattenseiten, die Dramatik, die Brutalität, die jeden Schönklang überlagert. Auch die Choreografie (Daniel Ezralow) passt zu dieser radikalen, nicht ästhetisierten Lesart.

Tänzerin des Abends ist niemand aus dem Corps de Ballet, sondern eine Dame, die man so noch nie auf einer Bühne gesehen hat: Anna Netrebko als Lady Macbeth, barfuß, in roter Seide, mit einem Teufelsritt. Etwa drei Minuten lang dauert die furiose Einlage, in der sie die Hexen mit wilden Zuckungen, aber auch Eleganz und Präzision kommandiert – in diese Passage hat sie viel Energie gelegt. Was bei ihrem Gesang diesfalls nicht so klar wird.

Die Stimmen

Netrebko wirkt bei ihrer Rückkehr auf die Bühne nach einer Schulter-OP routiniert und nur sehr gut statt herausragend. Wenn sie ein Maß unterschreitet, dann ihr eigenes, das ist – wie zuletzt bei „Tosca“ in Salzburg – auch in Mailand der Fall. In der Höhe erreicht ihre Stimme nicht den so sehr geschätzten Glanz, auch Ausdruckskraft und Berührungsfaktor bleiben unter den Erwartungen. Fabelhaft singt sie allerdings das Brindisi und die Wahnsinnsarie, auf einer sechs Meter hohen Brücke tänzelnd.

Seit sieben Jahren hat sie diese Partie im Repertoire, großes sängerisches Engagement hört sich (zumindest bei ihr) anders an. Am Ende gab es sogar einige Buhs gegen sie – auch das ein Novum.

Zurecht gefeiert wurden Luca Salsi als mächtiger Macbeth, der Skepsis und Unsicherheiten auch gut darstellt, Ildar Abdrazakov als profunder Banco, Francesco Meli als phänomenaler Macduff sowie der Chor. Den mit Abstand meisten Applaus bekam jedoch zu Beginn Staatspräsident Sergio Mattarella bei seinem letzten Scala-Auftritt in dieser Funktion. In Italien hatte die europäische Corona-Krise begonnen, Italien scheint sie nunmehr gut im Griff zu haben und spielt (unter strengen Auflagen) wieder vor vollen Häusern.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.