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Kultur
03/30/2021

Amanda Gormans Gedicht auf Deutsch: Haben die da echt "Farbe" gestrichen?

Die umfehdete deutsche Übersetzung liegt nun vor - eine Lektüre.

von Georg Leyrer

Was für ein staunenswertes Schauspiel! Ausgerechnet jetzt, wenn die Welt gerade glaubt, auch ohne Kultur ganz gut auskommen zu können, sorgen sich plötzlich gar nicht wenige Menschen mit feurigem Eifer darüber, ob ein Gedicht auch richtig ins Deutsche übertragen worden ist. Mit jener bierernsten Miene, die man angesichts des Welthistorischen zieht, klopfen sie Bruchstellen in Amanda Gormans Gedicht ab, das die junge Dichterin bei Joe Bidens Amtseinführung vorgetragen hat. Und das zum neuen glatten Parkett im gesamtgesellschaftlichen Eiertanz rund um Minderheiten, Identität, Biografie und Respekt geworden ist.

An der Frage, wer „The Hill We Climb“ übersetzen darf, wallte eine in Schlagworten geführte Debatte um Rassismus, Kunst, politische Korrektheit und biografische Aneignung auf. Und gerade ins Deutsche war der Weg schwierig; Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay, eine Übersetzerin, eine Journalistin und eine Publizistin, haben die Übertragung vorgenommen. Ihre Biografien sind im Buch (Hoffmann und Campe) ziemlich genau gleich lang ausgeführt wie jene von Gorman: Sie sind die Währung, mit der hier gehandelt wird. Wie nah, wie fern dürfen sie der Autorin und ihren Erlebnissen sein? Sind die jetzt doch weiß? Oder nicht?

Aber bei der Lektüre stellen sich nun viel weniger abstrakte Fragen. Haben die da echt ausgerechnet das Wort „color“, „Farbe“, ausgelassen? Ist das nicht das, worum es geht? Oder fällt man hier erst so richtig auf die Umgebungsdiskussion herein? Und erinnert „Den Hügel hinauf“ nicht eher an diesen eigentümlichen deutschösterreichischen Eifer beim Wandern als an die amerikanischen Kämpfe zwischen strukturellem Rassismus und amerikanischem Traum?

Nun ja. Es ist leicht, zu der Debatte um das Gedicht, das nun auf Deutsch und Englisch zum Vergleich vorliegt, eine Meinung zu haben. Aber wie das so ist, hat man Meinungen oft vorher und äußert sie dann zu etwas Neuem. Wer sich also schon von politischer Korrektheit gegeißelt oder von Minderheiten unterdrückt fühlt, wird in der Übersetzung seine Meinung gut abbilden können. Wer hingegen in der Debatte um das Gedicht ein entblößendes Bild vom grauslichen Abwehrkampf gegen den sensiblen Umgang mit den Vielfältigkeiten des Heute orten will, der kann das, sehr gut sogar.

Irgendwie geht’s

Mit vor Eifer zittrigem Finger werden also die wenigen Zeilen nachgefahren. Als könnte man anhand des alliterationsverliebten, von Anlasslyrik und Spoken Word informierten Gedichts die großen Probleme, die wir miteinander haben, ausverhandeln. Als dürfte man hier gesellschaftliche Gebiete derart neu abstecken, dass es sich in die Welt überträgt. Als gäbe es in der Poesie (abseits der Gedankenwelt von Deutschlehrern) richtig. Oder falsch.

Man stolpert über „Irgendwie geht’s“, eine absurd komische Übertragung des viel weniger passiven „Somehow, we do it“ des Originals.

Man kann andererseits ein wenig Übersetzungsschuld dadurch begleichen, dass Gorman im Deutschen „Präsidentin“ werden kann, im Englischen nur „president“.

Mit der eigenen Kopfstimme gelesen – die blieb in der Debatte zu wenig beachtet! –, ist das so jung und heutig vorgetragene Gedicht vor Pathos nicht zu retten. Wie liest man Amerika, „gefeit, wehrhaft und frei“ ohne US-Außenministertonfall?

Am Schluss gibt es einen ausführlichen Erklärapparat zu den Anspielungen und Wortspielen. Und ein Resümee: Das Gedicht ist, leider, letztlich ein zu schwacher Haken, um daran wichtige Fragen zu befestigen.

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