Als Thomas Bernhard von der Heimat schwärmte
Eine Ode an Salzburg, „Die Königin der Städte“. Wer so etwas geschrieben hat? Thomas Bernhard, der seine Heimatstadt später als „Todeskrankheit“ bezeichnete, einen „durch und durch menschenfeindlichen architektonisch-erzbischöflich-stumpfsinnig-nationalsozialistisch-katholischen Todesboden“ („Die Ursache“).
Die schwärmerischen, vor Heimatliebe strotzenden Gedichte des 17-Jährigen, die dieser unter dem Einfluss seines Großvaters, des Schriftstellers Johannes Freumbichler, schrieb, stehen in deutlichem Gegensatz zu Bernhards späteren Urteilen Salzburg und andere Städte betreffend (Wien? Eine „Genievernichtungsmaschine“, schrieb er etwa in „Holzfällen“).
Nachzulesen sind die ersten literarischen Ergüsse des späteren Weltautors jetzt in der Ausstellung „Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen“ im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek.
Die Schau schöpft einerseits aus dem Nachlass, den die Nationalbibliothek 2022 angekauft hat. Manuskripte, Briefe und Fotografien aus allen Lebensphasen sind dabei, darunter sehr viel bisher Unveröffentlichtes. Etwa ein Gedicht über Bierflaschen – Bernhard arbeitet eine zeitlang als Bierausfahrer. Auch ein überdimensionaler, von Bernhard selbst entworfener Ohrensessel ist ausgestellt, sowie Postkarten, die er an sich selbst nach Ohlsdorf zu schicken pflegte: „Beruhige dich. Schöne Grüße aus Sizilien, Thomas Bernhard.“
Bauarbeiter Bernhard
„Thomas Bernhard heute“ will die von Literaturmuseums-Leiter Bernhard Fetz und Kuratorin Katharina Manojlovic entwickelte Ausstellung in den Mittelpunkt rücken, Bernhard-Kennern Neues vermitteln und ihn jenen, die ihn nicht oder kaum kennen, näherbringen.
Das Kunststück gelingt. Auch die, die glauben, alles vom ihm gelesen zu haben, werden staunen. Man lernt Thomas Bernhard als Gerichtsreporter kennen (ab 1952 in der Redaktion des Salzburger Demokratischen Volksblatts), als angehenden Sänger (die lebensbedrohliche Lungenkrankheit machte ihm einen Strich durch die Rechnung), als Bauarbeiter (auf den Baustellen seiner Häuser), als übermütig scherzender Kartenspieler (in Tonaufnahmen mit seinem Ohlsdorfer Nachbarn Hennetmair), als verhinderter Emigrant: Bisher noch nie gezeigte Filmaufnahmen zeigen Bernhard in New York, er trug sich mit Auswanderungsplänen.
„Ohrensessel“-Chatbot
Der Anspruch, möglichst viele Menschen mit ins Boot der Literatur und Kultur zu holen, beschäftigt das Literaturmuseum seit seiner Gründung, sagt dessen Leiter Bernhard Fetz. Das schafft man auch diesmal: Zeitzeugen der „Nestbeschmutzer“-Ära und anderer Bernhard-Erregungen wird ebenso wie Jüngeren, die gerade einmal Bernhards Namen kennen, viel geboten. Unter anderem sehr lustige interaktive Spiele mit typischen Bernhard-Wörtern: „Kerker“, „Existenz“, „Ohrensessel“ und ein für die Ausstellung konzipierter Thomas-Bernhard-Chatbot, der mit Prosa und Theaterstücken des so oft imitierten Autors gefüttert wurde und typische Bernhard-Antworten zum mit nach Hause nehmen ausspuckt. Man wolle, so Fetz, der allgemeinen Diskussion, was KI kann und soll, „ob sie uns alle ersetzen wird und ob wir bald gar keine Schriftsteller mehr brauchen, konkret, spielerisch, experimentell etwas gegensetzen.“.
Nicht fehlen darf natürlich ein Multiple-Choice-„Städtebeschimpfungsquiz“. Auch eine Thomas-Bernhard-Playlist ist dabei, zusammengestellt von österreichischen und internationalen Autoren. Neben Bach und Georg Kreisler („Tauben vergiften …“) wird auch Abba empfohlen: „Money Money Money“– durchaus schlüssig, wenn man etwa Bernhards beinharte Verhandlungen mit seinem Verleger Unseld kennt, nachzulesen im Briefwechsel.
Übung gelungen
„Wie wollen vermitteln, dass es von Vorteil ist, sich mit Literatur zu beschäftigen und dass es von Vorteil ist, egal, was man im Leben macht, komplexe Sätze und komplexe Inhalte zu schätzen, Spaß daran zu haben und sie auch zu verstehen“, sagt Bernhard Fetz. Die Übung ist gelungen.