Ansicht Kiesler/Raumstadt

© /Georg Mayer

Kunst
06/15/2016

Alles dreht sich um den Menschen

Die Schau „Friedrich Kiesler – Lebenswelten“ im MAK macht das Werk eines Genies fassbar: Ein Pflichtbesuch.

von Michael Huber

Friedrich Jacob Kiesler hat einen der kleinsten Körper und eines der größten Gehirne in der gegenwärtigen Kunst“, schrieb das Magazin TIME im Oktober 1954.

Der „sanfte Egoist aus Wien“ war damals schon eine kontroversielle Figur: „Seine Kollegen verdammen oder vergöttern seine Theorien seit Jahren“, wusste der TIME-Autor, der dann über Kieslers Bild-Arrangements, die sogenannten „Galaxies“, urteilte: „Nicht schön, aber origineller als alle Kunstneuheiten des letzten Jahrzehnts, inklusive Picassos Keramiken, Giacomettis Stab-Skulpturen und Jackson Pollocks Tröpfel-Bilder.“

In der Kunstgeschichte sind die letztgenannten Personen fest verankert, während Kiesler der umstrittene Visionär blieb. Zum einen lag das daran, dass der 1890 in Czernowitz geborene, 1926 nach New York ausgewanderte Künstler wenig Dauerhaftes schuf und dass nur eines seiner Gebäude – der „Shrine of the Book“ in Jerusalem – kurz vor seinem Tod 1965 realisiert wurde. Zum anderen lag es an der Vielfalt seiner Ideen: „Alle, die multidisziplinär arbeiten, sind schwer fassbar“, sagt Dieter Bogner, der die famoseWerkschau Kieslers im MAK(bis 2. Oktober) kuratiert hat.

Raum, weitergedacht

Fassbar wird Kieslers Genie in der Schau doch, nicht zuletzt durch Rekonstruktionen wichtiger Werke, in denen Nutzen und Ästhetik, Abstraktion und Dinghaftigkeit einander stets ergänzen. In der zentralen Halle hängt majestätisch die „Raumstadt“ von der Decke, ein Konstrukt aus horizontalen und vertikalen Flächen, das Kiesler für die Theater-Ausstellung in Paris 1925 realisierte: Neben dem praktischen Nutzen als Ausstellungsfläche für Theatermodelle knüpfte Kiesler ein Manifest für vitale, nicht einengende Architektur an das Objekt.

Auch Design, bildende Kunst und Theater sollten sich laut Kiesler nach dem Menschen richten. Es ist atemberaubend zu sehen, welche Ideen der Vielfachbegabte dazu hatte: 1924 baute er im Wiener Konzerthaus eine sich emporschraubende „Raumbühne“; später ließ er Gemälde zur Betrachtung auf drehbaren Ständern montieren oder auf Wägelchen herumkutschieren. Einige Ideen wurden 1947 in Peggy Guggenheims Galerie „Art of This Century“ umgesetzt: Eine verkleinerte, begehbare Rekonstruktion findet sich in der Schau, in der sich Objekte, Zeichnungen und Dokumente ganz generell wunderbar ergänzen.

Architekt Barbapapa

Kieslers unvollendetes Lebensprojekt blieb das „Endless House“: Anhand eines Einfamilienhauses entwickelte er eine Architektur ohne Stützen und Wände und gelangte dabei zur Idealform einer abgeflachten Kugel.

Die Blasen-Architektur der 1990er scheint ebenso von dieser Idee inspiriert wie das Haus der Familie Barbapapa aus der Kinderserie: Doch Assoziationen zu aktuellen Erfindungen quellen beim Besuch der Schau ständig hervor, unglaublich scheint, dass alle Ideen einem einzigen Kopf entsprangen. Auch die zeitgenössischen Künstler und Künstlerinnen, die im MAK zu Beiträgen eingeladen wurden, haben Kieslers Genie wenig hinzuzufügen.

Die Kenntnis des Werks, das derart in unsere Zeit weist, sollte aber Allgemeinbildung sein. Und nirgends lässt sich Kiesler so gut kennenlernen wie nun im MAK.

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