Kultur
18.05.2017

"Alien: Covenant": Weltenverächter mit Vorliebe für die Musik von Richard Wagner

Ridley Scotts "Alien"-Action ist Hochspannung in coolen Bildern.

Fortsetzung gelungen: Ridley Scott konnte mit " Alien: Covenant" seinem stilbildenden Horror-Franchise überraschend neues Leben einhauchen. Stilsicher goss der 80-jährige Brite Hochspannung in wunderschön coole Bilder – und kündigte zwei weitere "Alien"-Filme an, mit denen er an die Handlung seines Original-"Alien" von 1979 andocken möchte.

Nach dem schwerfälligen Prequel "Prometheus" vor fünf Jahren schien die Aussicht auf Sequels vorerst wenig verlockend. Doch die philosophische Schwere, die schon auf "Prometheus" lastete, durchbohrt Ridley Scott nun mit raffiniert platzierten Schockmomenten. Sein somnambuler Abgesang auf die menschliche Zivilisation bildet melancholische Ruhepausen, deren Fatalismus die apokalyptische Unheimlichkeit noch verstärkt. In diese Momente der Stille brechen brutal monströse Alien-Lebensformen ein und steigern sich zu frenetischen Action-Sequenzen.

Ripley

Relativ vielversprechend beginnt die Expedition des Raumschiff "Covenant": Unterwegs auf der Suche nach einem bewohnbaren Planeten, fängt die Mannschaft Signale auf. Billy Cudrup als unsicherer Anführer der Crew beschließt eine Expedition auf unbekanntem Boden.

Katherine Waterstone als burschikose – sichtlich an Sigourney Weavers Heldenfigur Ripley angelehnte – Wissenschaftlerin, warnt ihn davor: "Zu schön, um wahr zu sein", nennt sie den unbekannten Planeten, dessen wunderbare Fauna den Forschern verlockend entgegenschlägt. Und bald schon brechen widerwärtige Alien-Monster aus menschlichen Brustkörben heraus und liefern horrible Mutation.

In einer Doppelrolle als undurchsichtiger Mutant brilliert Michael Fassbender – als Weltenverächter mit Vorliebe für Wagner-Musik. Und als Lyrik-Auskenner, der es nicht wagt, zu lieben.

INFO: USA/GB/AUS/NZ 2017. 122 Min. Von Ridley Scott. Mit Katherine Waterstone.

KURIER-Wertung:

Lernen, wie man zu Punk tanzt

Sie weiß nicht, wer "Black Flag" ist und was das Schimpfwort "Art Fag" bedeutet. Die Musik von den Talking Heads hat sie noch nie gehört. Und wie man zu Punk tanzt, kann sie sich nicht vorstellen.

Eine alleinerziehende Mutter ist mit ihrem Latein am Ende. Die Welt ihres 15-jährigen Sohnes wird ihr zunehmend fremd – und daher bittet sie zwei junge Frauen, ihr bei der Erziehung ihres Kindes zu helfen.

Mike Mills, Regisseur von Musikvideos und Spielfilmen, erzählte in "Beginners" vom späten Coming-out seines Vaters; in "Jahrhundertfrauen" beschäftigt er sich nun mit der Biografie seiner Mutter.

Die patente Annette Bening spielt jene überforderte Frau, die sich 1979, im Jahr von Punk und Feminismus, zunehmend von ihrem Sohn Jamie entfremdet. Greta Gerwig als Mitbewohnerin mit punkig-roten Haaren nimmt Jamie unter ihre feministischen Fittiche, ebenso wie Elle Fanning als seine frühreife Jugendfreundin. Unter der Aufsicht der beiden jungen Frauen geht Jamie auf Punk-Konzerte, liest feministische Literatur und lernt das Wort "Menstruation" aussprechen. Mit Filmbildern in Schwarz-Weiß und ironischen Off-Kommentaren erzeugt Mills einen heiter-melancholischen Nostalgietonfall. Die famose Annette Bening bringt er zum Blühen, doch durch seinen forcierten Stilwillen büßt sein formschönes Generationenporträt stark an Lebendigkeit ein. Jahrhundertfrauen.

INFO: USA 2016. 119 Min. Von Mike Mills. Mit Annette Bening, Greta Gerwig, Elle Fanning.

KURIER-Wertung:

Banküberfälle für Globalisierungsverlierer

Bankräuber, Sheriff und der Staub von Texas. Diese Mischung ergibt im Kino immer wieder einen hinreißenden Western. David Mackenzie hat daraus dazu noch einen Thriller gemacht, der die sozialen Abgründe der Gegenwart aufgreift.

"Hell or High Water" erzählt von einem Texas zwischen nationaler Befindlichkeit und Globalisierung. Im Mittelpunkt stehen zwei Brüder, die kleine Bankfilialen um jeweils ein paar Tausend Dollar "erleichtern", die sie in den Casinos des benachbarten Oklahoma "waschen". Hinter ihnen her ist ein Texas Ranger, der diesen letzten Fall vor der Pensionierung abschließen will. Groteskerweise scheinen Räuber und Verfolger ähnliche Ziele zu verfolgen. Als Verlierer der Globalisierung verteidigen sie einen Lebensstil, der kaum taugt, die Probleme der Gegenwart zu bewältigen.

Verfall

Die einstige Öl-Wirtschaftsmacht Texas ist in diesem Neo-Western zum beklemmenden Panorama geworden: Stillstehende Fördertürme, geschlossene Läden und Tankstellen, zum Verkauf stehende Ranches, rostiges Eisen und verwittertes Holz. Konterkariert werden diese Verfallserscheinungen von den knalligen Plakaten der Geldinstitute, die zur Behebung von Schulden "schnelles Geld" anbieten. Die Brüder Tanner und Toby brauchen schnelles Geld, weil sie die Hypothek auf die Familien-Ranch nicht zahlen können. Um ihre Probleme zu lösen, überfallen sie Banken.

Wer wissen möchte, wer und wie die Menschen sind, die Donald Trump gewählt haben – in diesem Film scheinen sie alle versammelt zu sein. Ben Foster und Chris Pine (Captain Kirk in der neuen "Star Trek"-Reihe) spielen die Brüder: Den kriminell veranlagten Tanner und dessen introvertierten Bruder Toby, an dem sowohl die Einbrechermaske als auch die Pistole wie eine ungewollte Verkleidung wirken. Jeff Bridges brilliert als Texas Ranger kurz vor der Rente: Ein abgebrühtes, latent rassistisches Fossil mit psychologischem Einfühlungsvermögen für menschliche Abgründe. Nicht minder aus der Zeit gefallen wirken herumirrende Comanchen, die einst die Herren der texanischen Prärie waren, eine Rinderherde und Cowboys, die am Sinn ihres Herden-Triebs zweifeln.

Für Frauen ist neben all diesen Männern kein Platz – zumindest nicht in einer Hauptrolle. Nick Cave und Warren Ellis unterstreichen die Stimmung der Bilder mit einem fantastischen Folk-und Country-Soundtrack.

Text: Gabriele Flossmann

INFO: USA 2016. 102 Min. Von David Mackenzie. Mit Jeff Bridges, Chris Pine, Ben Foster

KURIER-Wertung:

Vom Suchen und Finden der Online-Liebe

Egal, ob Pensionist, alleinerziehende Mutter oder Mittzwanziger: Die zu hohen Erwartungen und die daraus resultierende Ernüchterung des Online-Datings werden in der neuen Doku von Andrea Eder ehrlich und authentisch gezeigt. Begleitet werden fünf Singles mit sehr unterschiedlichen Lebensmodellen auf der Suche nach der wahren Liebe im Internet.

Als Zuseher ist man sowohl bei digitalen Annäherungsversuchen als auch bei holprigen ersten Dates mit dabei, was den Fremdschäm-Pegel teilweise in die Höhe schnellen lässt.

Kritisch beleuchtet werden auch die Dating-Plattformen selbst und deren (wirtschaftliche) Mechanismen. Die Sehnsüchte der Nutzer werden mit dem Versprechen, den perfekten Partner mithilfe eines Algorithmus zu finden, häufig schamlos ausgenutzt.

Die zentrale Frage des Films ist, ob es das mediale Überangebot an Möglichkeiten leichter macht, einen Partner zu finden, oder ob man durch Social Media eher vereinsamt. Dazu werden auch Soziologen und Philosophen befragt.

Text: Anna Scheutz

INFO: Österreich 2017. 90 Minuten. Von Andrea Eder. Mit Veronika, Ruth, Philipp, Darko, Wolfgang.

KURIER-Wertung: