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Kritik
09/16/2019

Alice Cooper in Wien: Erst nach Enthauptung lebendig geworden

Der Urvater der Schock-Rocker konnte in der Stadthalle erst gegen Schluss den musealen Charakter seiner Show durchbrechen.

von Brigitte Schokarth

Eine Burgzinne aus Holz und Styropor, Zombie-Puppen und Totenköpfe mit künstlichen Spinnweben wie aus einer Geistbahn entwendet, dahinter ein Vorhang, der der Burg die nächtlich-gruselige Atmosphäre gibt. Das ist das Bühnenbild, das sich Alice Cooper für die Tour anlässlich des 50-jährigen Karriere-Jubiläums bauen ließ. „Ol’ Black Eyes Is Back“ hat er diese Show genannt. Auch in der Wiener Stadthalle stapft er dabei wieder so durch seine Kulisse, wie er es seit 1969 gemacht hat, als sein erstes Album erschienen war: Mit Zylinder, Frackjacke und den schwarz angemalten Augenhöhlen. 

Ein bisschen hat Cooper, der als Vincent Furnier in Detroit geboren wurde, seine Show in all den Jahren schon abgewandelt. Im Hier und Jetzt ist er damit aber nie angekommen. LED-Elemente? Es gibt fünf winzige, die die zuckenden Flammen der Fackeln an der Burgwand imitieren. Und die wohl auch nur aus Sicherheitsgründen, weil offenes Feuer zu gefährlich wäre. Screens, die das Geschehen für die Leute weiter hinten in der Halle gut sichtbar machen? Fehlanzeige!

Gut, Letzteres stört kaum. Mit nur 3000 Leuten im Publikum steht ohnehin keiner allzu weit von der Bühne entfernt. Und natürlich gehört diese trashige Anmutung von Coopers Horror-Show unbedingt dazu, wird nach einem halben Jahrhundert auch von dem Amerikaner erwartet. Schließlich hat sie ihn zum Urvater aller Schock-Rocker gemacht.

Was an der Szenerie trotzdem peinlich berührt, ist der museale Charakter. Und der kommt daher, dass Cooper, mit 71 noch super fit und immer in Bewegung, routiniert runterspult, was er immer schon gemacht hat. Temperament und Leidenschaft, der Wille, genau jetzt „No More Mr. Nice Guy“, „Muscle Of Love“ oder das umjubelte „Poison“ zu singen, wird nicht spürbar. 

Dazu kommt, dass die Band mit drei Gitarristen besetzt ist, die alle immer spielen. Dadurch wird der Sound undifferenziert und bleibt fast die ganze Show in dieser lauten, überfrachteten Dynamik hängen. Das schmälert die Abwechslung, die die spannenden Rhythmen und die durchaus auch abseits der Hits guten Songs mit oft hymnischen Refrains liefern könnten.

Im ersten Drittel kann nur Gitarristin Nita Strauss, die immer wieder zu furiosen Soli ansetzt, feurige, mitreißende Momente in die Stadthalle zaubern. Cooper wirkt immer noch wie ein Roboter, der Cooper spielt, wenn er immer wieder die Jacken wechselt und das Outfit abwandelt, sich bei „Eighteen“ auf eine Krücke stützt, bei „Billion Dollar Babies“ mit einer Totenkopf-Kanone Glitter und Konfetti ins Publikum schießt, oder mit einer monströsen Frankenstein-Puppe tanzt.

Dann kommt, wofür Coopers Bühnenshow so berühmt geworden ist: In einer Zwangsjacke singt er „Steven“, verkörpert einen Irren, der ein Baby töten will. Doch bevor er der Babypuppe den Kopf abhacken kann, wird er von Irrenhaus-Wärtern gefasst, zur Guillotine geführt und - natürlich zum Schein - geköpft, während ein aufblasbares Riesenbaby triumphierend zwischen den Musikern tänzelt.

Interessanterweise ist genau diese klischeehafteste Cooper-Show-Szene der Punkt, bei dem in der Stadthalle auf einmal Leben und Vitalität auf die Bühne und in die Musik kommen. Der Rest der Show - unter anderem mit „Teenage Frankenstein“ und dem Klassiker „School’s Out“ in der Zugabe - macht dann großen Spaß. Schade nur, dass der erst so spät dazukam.