Albertina-Experte identifiziert Dürer-Meisterwerk - in zwei Hälften

Albertina-Experte identifiziert Dürer-Meisterwerk - in zwei Hälften
Der Chefkurator des Wiener Museums spürte geteilten Blättern nach und spricht von "Bastelspaß"

Kann man in Nürnberg, der einstigen Heimatstadt Albrecht Dürers und seitdem Zentrum der Dürer-Verehrung und -Forschung, denn noch ein unbekanntes Werk des Meisters (1471 - 1528) finden?

Man kann - wenn man über den Spürsinn und das visuelle Gedächtnis von Christoph Metzger verfügt. Der Chefkurator der Wiener Albertina ist einer der führenden Experten für deutsche Zeichenkunst und Albrecht Dürer im Speziellen. Bei der Arbeit für ein Werkverzeichnis aller bekannten Zeichnungen des Meisters gelang ihm nun ein spannender Zufallsfund.

Auf der Rückseite eines Blatts mit Haar- und Pflanzenstudien, das seit langem im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg (GNM) gehütet wird, fiel Metzger eine halbierte Figur auf, die in der Fachliteratur noch nirgends publiziert worden war. "Ich dachte mir: Moment, den Rest davon, den kenn ich doch", erzählt Metzger im KURIER-Gespräch. "Ich habe mein ganzes Hirn zusammengekramt und erkannt: Der andere Teil ist in London auf einer Rückseite."

Albertina-Experte identifiziert Dürer-Meisterwerk - in zwei Hälften

Tatsächlich passt die kniende Figur aus Nürnberg zu einer Büste, die die hintere Seite einer Dürer-Madonnenabbildung ziert, die im British Museum lagert. Zusammen ergeben die beiden "Puzzleteile" einen betenden Bauern oder Hirten.

Albertina-Experte identifiziert Dürer-Meisterwerk - in zwei Hälften

Da das Madonnen-Blatt in London als Vorzeichnung eines bekannten Kupferstichs eindeutig als Original-Dürer verbrieft ist, legt Metzgers Erkenntnis wiederum nahe, das auch das Blatt mit den Details von Haaren und Pflanzen von Dürer selbst stammt. Zwar ist es mit dem bekannten "AD"-Monogramm signiert und mit der Jahreszahl 1518 datiert - dennoch galt es die längste Zeit als eine Fälschung, weil man davon ausging, dass Dürer ein derartiges "Mischmasch" nicht gezeichnet hätte. 

Original Nürnberger Telefon-Zeichnungen

"Das ist aber falsch", erklärt Metzger, der seine Erkenntnis zuerst in einem Vortrag (Titel: "Bastelspaß mit Dürer") präsentierte. In diesem legte er auch andere Dürer-Blätter vor, die einst mit unterschiedlichen Motiven befüllt und später getrennt worden waren.

"Man kann ihm da beim Denken und Arbeiten zuschauen - es ist fast wie bei jemandem, dem beim Telefonieren langweilig ist", sagt Metzger. "Das ging durch das Teilen verloren." Auch die "Betenden Hände" - eines der berühmtesten Motive Dürers - hätten sich einst am selben Papierbogen befunden wie ein anderes Motiv, der Kopf eines Apostels. Manchmal deuten nur einige Striche, die ins Bild ragen, auf die Existenz eines zweiten "Puzzleteils" hin.

Die Haar- und Wolkenstudien, die auf der Vorderseite des Nürnberger Blattes stehen, hätte Metzger auch ohne die Verbindung des knienden Mannes Dürer zugeschrieben. Doch auch das Wasserzeichen am Papier, das das verwendete Material in eine Reihe mit anderen Dürer-Werken stellt, ist für ihn ein starkes Indiz dafür, dass das Blatt durch und durch Dürer sei: "Da müsste man sich schon eine sehr gute Geschichte einfallen lassen, warum auf diesem Papierabschnitt jemand anderer gezeichnet hat", sagt er.

Albertina-Experte identifiziert Dürer-Meisterwerk - in zwei Hälften

Erst im vergangenen Frühjahr kam ein anderes Dürer-Blatt - eine Madonnenstudie - in die Schlagzeilen, die Dürer-Experten - darunter auch Metzger - als eine lange unbekannt gewesene Originalzeichnung einstuften. Sie steht zum Verkauf, kolportiert wird ein Wert von 50 Millionen US-Dollar.

Für den nunmehrigen Fund sind solche Marktwerte nur Hypothese, da sowohl das Blatt in Nürnberg als auch jenes in London feste Bestandteile von Museumssammlungen sind. "Wenn so etwas Vergleichbares am Markt auftauchen würde, könnte man das schon im siebenstelligen Bereich ansiedeln", sagt der Albertina-Kurator. 

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