Albertina: Ein Hase im Klee der Historie

Kopie von Albrecht DürerFeldhase, 1502© Albertina, Wien…
Foto: Albertina, Wien… Albrecht Dürer Feldhase, 1502 © Albertina, Wien

Die Schau "Zwischen Dürer und Napoleon" erzählt von der Gründung der Albertina.

Man könnte zynisch sein und sagen, dass die  Ausstellung  „Zwischen Dürer und Napoleon – Die Gründung der Albertina“ ein wenig wie ein Deep-Purple-Konzert funktioniert: Zuerst gibt’s eine Geschichtsstunde, dann erst kommen die „Greatest Hits“, nur dass statt „Smoke On The Water“ eben Dürers „Feldhase“ gegeben wird.

Man würde dieser Schau – vermutlich die dichteste und reichhaltigste, die in der an Superlativen nicht armen Albertina je gezeigt wurde – damit aber unrecht tun.

Denn zum einen demonstriert das Museum eindrucksvoll, warum seine Sammlung Weltgeltung besitzt, und spielt dabei seltene, teils nie gezeigte „Hits“ aus.

Umbruchszeit

Zum anderen wird im umfangreichen historischen Teil der Schau eine Geschichte erzählt, die geeignet ist, auch abgebrühte Wiener aus ihrer Schönbrunn- und Habsburger-Lethargie zu reißen: Es geht  um  Intrigen, ein Zerrspiel zwischen Liebe und  politischem Kalkül und um eine Umbruchszeit, in der die Kräfte von Aufklärung und höfischen Zeremoniell auf  faszinierende Weise ineinander greifen.

Herzog Albert von Sachsen-Teschen, der Namensgeber der Albertina (1738 – 1822), gerät  als Kristallisationspunkt dieses Kräftespiels dabei zur schillernden Figur: Als   Abkömmling des sächsischen Kurfürsten August II.  gewann er 1764 das Herz von Erzherzogin Marie-Christine, der „Lieblingstochter“ von  Kaiserin Maria Theresia.

Die Herrscherin selbst intrigierte, um eine „Liebesheirat“ entgegen der habsburgischen Gepflogenheiten zu ermöglichen. Als die Hochzeit 1766 zustande kam, war Albert – dank des Vermögens seiner Frau und des ihm überlassenen Kronlehens Teschen  – ein gemachter Mann.

Die ungewöhnliche Liaison hatte auch zur Folge, dass der unter seiner Gattin rangierende Albert sich weniger politischen Verpflichtungen als seinen Leidenschaften widmen konnte: Eine Bildungsreise nach Italien gab dabei den Startschuss zu jener Sammlung, die gegen Ende seines Lebens 14.000 Zeichnungen und 200.000 Druckgrafiken umfassen sollte.

Aufklärung und Adel

Die von Christian Benedik kuratierte  Ausstellung will zum einen den aufklärerischen Hintergrund von Alberts Sammeltätigkeit aufzeigen: Eine allumfassende bildnerische Enzyklopädie hatte der Herzog im Sinn, gesammelt wurden Stadtansichten ebenso wie exquisite Kunstwerke, allesamt nach strengen Kriterien geordnet.

Herzog Albert von Sachsen - Teschen (hier in einem anonymen Bild von 1777) hatte als sechster Sohn des sächsischen Kurfürsten wenig Aussicht auf den Thron. So kam er nach Wien, um dort am Hof Karriere zu machen. 1766 heiratete er Erzherzogin Marie Christine, die Lieblingstochter Maria Theresias (Bildnis von Alexanre Roslin, 1778). Entgegen der Gepflogenheiten war es eine "Liebesheirat". Während einer Bildungsreise ("Grand Tour") durch Italien fiel 1776 der Startschuss zur umfassenden Sammeltätigkeit des Paares. Das Bild "Kaiserin Maria Theresia im Kreise ihrer Kinder" von 1776 zeigt, wie das Paar der Kaiserin ein aus Italien mitgebrachtes Bild präsentiert. Herzog Alberts Sammlung umfasste bald Werke der wichtigsten Meister südlich und nördlich der Alpen. Die Bestellung Marie-Christines zur Statthalterin der Österreichischen Niederlande 1781 sicherte Zugriff auf das Beste der niederländischen Kunst (Bild: Pieter Bruegel d. Ä., Die großen Fische fressen die kleinen, 1556) Peter Paul Rubens: Rubens' Tochter Clara Serena, 1623 Pieter Bruegel d. Ä.: Maler und Käufer, um 1565 Rembrandt Harmensz. van Rijn, Ein Elefant, 1637 Leonardo da Vinci, Halbfigur eines Apostels, 1493-1495 1792 flüchtete das Paar vor Revolutionstruppen aus ihrem Schloss Laeken bei Brüssel. In Wien schenkte ihnen Kaiser Franz II. das so genannte "Tarouca'sche Haus" auf der Augustinerbastei, das Albert zum repräsentativen Prunkbau erweitern ließ (Bild von Jakob von Alt, 1816) Zusätzlich erhielt Albert im Tausch gegen Druckgrafiken Meisterwerke aus der kaiserlichen Hofbibliothek, darunter Albrecht Dürers "Feldhasen" von 1502. Albrecht Dürers "Betende Hände" von 1508 kamen damals ebenfalls in Alberts Besitz. Doch Albert gab sein Geld nicht nur für Kunst aus:  Die Albertina zeigt u.a. sein Prunkservice, gefertigt von Ignaz Josef Würth (1779-1782), heute in Privatbesitz. Das laut Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder "prunkvollste Silberservice seiner Epoche" sollte mehrfach zu Kriegszwecken eingeschmolzen werden und wurde von Albert um viel Geld "freigekauft". Der Herzog schmückte sich auch mit herrschaftlichen Insignien; die Albertina zeigt den Entwurf für den Ornat des Österreichisch-kaiserlichen Leopold-Ordens, 1808. .Eine weitere Kostbarkeit: Ein Spieltisch Herzog Alberts von David Roentgen Zeitgleich zu seinem höfischen Leben war Albert von Sachsen-Teschen auch Mitglied der Freimaurer, denen er zahlreiche seiner Kontakte in Kunst- und Geistesleben verdankte (Bild:  Johann Joachim Kaendler, Freimaurer mit Mops, Modell, um 1743;  Meissener Porzellanmanufaktur)
  Als 1789 Alberts geliebte Frau, Erzherzogin Marie-Christine, starb, ließ er ihr von Antonio Canova in der Augustinerkirche ein Grabmal errichten. Das Kenotaph - das erste öffentliche Grabdenkmal für eine Frau in Wien - kommt ohne christliche Sybolik aus, nutzt aber das Freimaurersymbol der Pyramide. Herzog Albert, der sich bis zu seinem Tod 1822 der Pflege seiner Sammlung widmete, konnte von einem Betschemel in seinem Palais durch ein Fenster direkt auf das Grabmal in der Kirche blicken.

Zum anderen zielt die Schau aber über den Sammlungsbestand, der in Alberts Testament 1816 als „untrennbar und unveräußerbar“  deklariert und 1826 an das Wiener Palais gebunden wurde, hinaus: Denn bei allem Aufklärertum war Albert ein Fürst alter Schule, der   ein Leben im Prunk führte.  Exponate wie sein opulentes Silberservice, Wedgwood-Keramiken und Gemälde geben eine Ahnung davon. 

Es  sind widersprüchliche Perspektiven, die sich dabei eröffnen, und es lohnt,  zum besseren Verständnis einen der zwei (!)  Kataloge  zur Hand zu nehmen. Am Ende sind es aber die Exponate, die die  Geschichte   erzählen: Wer für die Aura alter Dokumente und Artefakte nicht ganz unempfänglich ist, wird auch sie und nicht nur die „Greatest Hits“ zu schätzen wissen. 

(KURIER) Erstellt am
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