Michaela Bilgeri und Raphael Macho

© © Gerhard Breitwieser

Kritik
01/12/2022

Aktionstheater Ensemble im Werk X: "Die große Show"

Ein zauberhafter und herrlich böser Abend nach dem Motto: "Geht's mir gut, geht's allen gut".

von Marco Weise

Erderwärmung, Plastikmüll, PCR-Gurgeln, Korruption, Sozialabbau, Corona, zu viele Weihnachtskekse, zu wenig Motivation. Man fühlt sich alt, nicht schön genug, nicht (mehr) geliebt genug und chronisch überfordert. Aber egal wie „sehr die Kacke am Dampfen ist, die Show muss weiter gehen. Die Tragödie liegt hinter der Komödie“, sagt Martin Gruber, der sein preisgekröntes Aktionstheater Ensemble wieder auf die Bühne schickt. Das neue Stück, das am Dienstagabend im Werk X in Wien Meidling Premiere feierte, heißt "Die große Show".

Im Prinzip geht es in den 70 enorm kurzweiligen Minuten um die permanente Selbstoptimierung, darum, permanent eine Show abzuziehen oder abziehen zu müssen. Ganz nach dem Motto: "Geht's mir gut, geht's allen gut".

Das alles wird im Rahmen einer Show, einer Geburtstagssause präsentiert, die Michaela Bilgeri für Susanne Brandts 60er organisiert hat. Es gibt eine tolle vierköpfige Live-Band, die auf Zuruf die Lieblingsmusik von Susanne spielt, einen grandiosen Zauberer (Raphael Macho), der mit leerem Blick dezent verloren auf der Bühne herumschlapft und Zaubertricks aufführt, ein Lesung von Autor Elias Hirschl, der im Glitzerkleidchen zum Blutspenden aufruft - sein Zeichen gegen die Spaltung in der Gesellschaft. Am Ende singt dann noch Benjamin Vanyek "Die Chancenlosen" von Jacques Brel in der Übersetzung von Werner Schneyder und macht damit für seinen Brel-Liederabend (am 18. Jänner im Werk am Petersplatz) Werbung.

Überspielt

Die Show verwandelt sich zunehmend zum Schaulauf der Eitelkeiten. Es geht um Selbstoptimierung, um permanentes Selbstlob (Nachhaltigkeit ist für mich mehr als Mülltrennung). Man hört dem anderen zwar zu, tut so, als ob man emphatisch und an allem interessiert wäre, aber eigentlich will man sich ja nur selbst in den Mittelpunkt spielen. Im Stück werden diese gesellschaftlichen Gräben herrlich überspielt und mit Oberflächlichkeit überdeckt – Michael Bilgeri zieht sich dafür öfters um als Helene Fischer bei ihren Auftritten.

Die Handlung hat natürlich einen doppelten Boden: Hinter der Maske, dem spröden Lack blinzelt immer wieder Kritik am politischen System durch. Wenn es etwa um einen kindischen Streit bezüglich eines Prosecco-Zauber-Tricks geht, wurden in Wirklichkeit Politik-Floskeln und Auszüge aus Parteiprogrammen montiert.

Am Schluss gerät die Show herrlich außer Kontrolle. Susanne Brandt, das Geburtstagskind, zieht Bilanz: „Ich musste über viele Leichen steigen, aber war es nicht richtig und wichtig. Für unsere Sache.“ Michaela (blutüberströmt, weil ihr Susanne eine Flasche über den Kopf gezogen hat) lächelt die Katastrophe, das Dilemma weg und belügt sich selbst: „Die Idee die ganze Show auf nur eine Person auszurichten, ist voll und ganz aufgegangen.“ Das erinnert an die türkise One-Man-Show der vergangenen Tage. 

Großer Applaus!

 

"Die große Show" von Martin Gruber und Aktionstheater Ensemble. Konzept, Text, Inszenierung: Martin Gruber, Musik: Kristian Musser. Mit: Michaela Bilgeri, Susanne Brandt und Raphael Macho sowie Elias Hirschl, Benjamin Vanyek, Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Pete Simpson, Kristian Musser und Fridolin.

Weitere Aufführungen im Werk X, Wien 12, Oswaldgasse 35a: 12.-15. Jänner, 19.30 Uhr, Karten: 01 / 535 32 00-11.
Im Spielboden Dornbirn, Färbergasse 15: 25. bis 29.Jänner, 20.30 Uhr, Karten: 05572-21933.

 

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