ARCHIV - Das undatierte Archivbild zeigt die legendäre schwedische Pop-Gruppe Abba - von links Björn Ulvaeus, Agnetha Fältskog, Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson. Benny Andersson feiert am Freitag (16.12.2011) seinen 65. Geburtstag. dpa zu dpa-Korr. «Ex-Abba Benny: «Nicht mehr so unter Dampf» vom 10.12.2011) +++(c) dpa - Bildfunk+++

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Interview Agnetha
05/10/2013

Agnetha ist alles andere als angerostet

Agnetha über ABBA, "The Winner Takes It All" und ihr Comeback mit neuer CD.

Sie war das A in ABBA – der blonde Hingucker der schwedischen Erfolgsband. Doch nach der Auflösung des Quartetts im Jahr 1982 und einigen Soloerfolgen zog sich Agnetha Fältskog mit ihren zwei Kindern in die Abgeschiedenheit eines Bauernguts auf die Insel Helgö westlich von Stockholm zurück. Nur noch selten bekamen ihre Landsleute sie überhaupt zu Gesicht, was ihr eine geradezu mystische Aura verlieh.

Jetzt, neun Jahre nach ihrem letzten Coversong-Album „My Colouring Book“, meldet sich die inzwischen 63-jährige Sängerin mit Original-Liedern zurück: „A“ erscheint heute bei Universal. Produziert wurde es von Jörgen Elofsson, der bereits mit Britney Spears zusammenarbeitete.

KURIER: Wie fühlen Sie sich, wieder auf dem Präsentierteller zu sein?
Agnetha: Müde! Das ist der dritte Tag, an dem ich Interviews gebe. Die ganze Zeit Englisch zu sprechen, ist anstrengend. Es ist nicht dasselbe, wenn man 63 ist. ich kann es im Körper fühlen ...

Wo?
Überall! (lacht) Jetzt besonders in den Beinen. Herrje, so hohe Schuhe habe ich schon lang nicht getragen!

Besitzen Sie noch viel von den extravaganten Klamotten aus ABBA-Zeiten?
Ich habe erst vor Kurzem meinen Keller ausgemistet und sehr viel davon an das ABBA-Museum weggegeben, das am 7. Mai in Stockholm eröffnet hat.

Merkt man in Ihrem Haus, dass Sie ABBA-Mitglied waren?
Nur anhand der Größe! Es ist wirklich ein großes Haus.

Aber Wände voller Preise würde ich dort nicht vorfinden?
Ich besitze gerade mal eine einzige Edelmetall-Schallplatte, die besagt, dass wir 375 Millionen Platten verkauft haben.

Das klingt jetzt aber auch nicht wirklich bescheiden, oder?
Die Presse hat Sie ja gern als die Greta Garbo des Pop bezeichnet.

Sind Sie so menschenscheu?
Quatsch. Ich wurde als mysteriös abgestempelt, dabei bin ich nur ein naturverbundener Mensch. Ich lebe zurückgezogen mit meinen zwei Hunden auf meinem Bauernhof, nebenan wohnt meine Tochter Linda mit meinen Enkeln.

Bedenken, nach der langen Zeit zurückzukommen, gab es bei Ihnen keine?
Nur in Bezug auf meine Stimme! Ich wusste nicht, ob sie nach all den Jahren angerostet klingen würde.

Ihre Stimme klingt nicht alt.
Nein, ich war selbst ein wenig überrascht. Ich habe noch zwei Gesangsstunden genommen, um den letzten Staub abzuschütteln.

Mir kamen die Tränen zu einem Ihrer neuen Songs. Können Sie erahnen, bei welchem Lied?
Es war bestimmt „I Was A Flower...“ Das Stück ist intensiv.

Richtig getippt. Wie biografisch ist der Text, wenn Sie singen, dass Sie eine Blume waren, jung und unschuldig, deren Farben verblassten, weil jemand Sie im Stich gelassen hat?
Ich habe beim Singen des Liedes sehr viel über den Prozess des Alterns nachgedacht. Du wirst älter und bist enttäuscht von der Liebe. Mir hat es die Liebe zumindest immer schwer gemacht.

In meiner Vorstellung singen Sie den Song für Ihren Ex-Mann, ABBA-Songwriter Björn Ulvaeus, denn er ließ sie mit den Kindern auf gewisse Weise im Stich. Können Sie diese Interpretation nachvollziehen?
Ja, das kann ich. Er war ein großer Teil meines Lebens. Wir haben zwei Kinder zusammen. Das wird sich nie ändern, das Gefühl ist da. Es ist ein bisschen so wie bei „The Winner Takes It All“, das er geschrieben hat.

Sie waren das Gesicht von ABBA. Hat das damals auch für Probleme innerhalb der Band gesorgt?
Es wurde immer wieder berichtet, dass es Eifersüchteleien in der Band gegeben hat. Es stimmt, die hat es gegeben! Aber wenn Frida und ich Rivalität untereinander fühlten, war das nur gut für die Bühne. Denn es bedeutete, dass wir unser Bestes gaben. Ich war aber nicht das einzige Gesicht von ABBA. Frida war genauso wichtig – sowohl musikalisch als auch visuell. Wir ergänzten uns prima: Ich war blond, sie war rothaarig. Sie hatte viel Temperament, ich war eher ruhig.

Flogen da richtig die Fetzen zwischen Ihnen?
Nein, aber natürlich hat es Zeitabschnitte gegeben, die sehr belastend für uns als Gruppe waren. Speziell auf Tour, wenn wir so viel reisten. Es war dann spürbar, wie sehr das einige von uns irritierte. Aber wir halfen uns auch gegenseitig auf der Bühne. Wenn Frida beispielsweise eine Erkältung hatte, gab ich mehr oder unterstützte sie bei ihren Gesangsparts – und andersrum. Aber über solche Dinge zu schreiben, hat ja nie jemanden interessiert. Sie berichteten lieber, dass wir streiten würden. Und so was wirkt sich dann tatsächlich auf die Band aus und führt zu Streit.

Als der Kinofilm „Mamma Mia!“ 2008 Premiere feierte, haben sich ABBA zum ersten Mal seit 22 Jahren wieder zu viert gezeigt. Ein komisches Gefühl?
Nein, es fühlte sich gut an. Wir haben Musikgeschichte geschrieben. Aber wir sind heute erwachsene Leute, das Leben geht weiter. Wir trauern der Zeit nicht hinterher.

Wie ist denn Ihr Verhältnis untereinander heute? Sehen Sie sich noch oft?
Frida und ich haben uns im letzten Sommer getroffen, da habe ich sie in der Schweiz besucht, wo sie heute wohnt. Björn und ich sehen uns bei den Geburtstagen unsere Kinder und Enkel sowie an Weihnachten. Es sind keine dramatischen Emotionen, die da in uns vor sich gehen, wenn wir aufeinander treffen.

Aber eine ABBA-Reunion schlagen Sie aus?
Natürlich, der haben wir immer widerstanden! Warum sollten wir uns das antun? Ich kann keinen sinnvollen Grund dafür sehen!

Ist es manchmal schwer, durch eine Ära definiert zu werden, die so viele Jahre her ist?
Nein, damit habe ich kein Problem. Die Leute freuen sich, darüber zu reden. Bezüglich der Vergangenheit scheinen immer noch so viele offene Fragen zu sein, die Menschen uns gerne stellen möchten. Es hört nie auf, ABBA werden immer wieder neu entdeckt. Auch, weil es immer wieder Neues gibt, wie das „Mamma Mia!“-Musical, der Hollywoodfilm und nun eben das Museum.

Haben Sie das auch in der Abgeschiedenheit Ihrer Insel gemerkt, dass ABBA in den letzten Jahren einen Popularitätsschub erfahren haben?
Nein, vielleicht stehen mal mehr Leute vorm Tor als an anderen Tagen. Aber eigentlich hat es sich eher beruhigt und keinen Effekt mehr auf mein Leben dort draußen. Das ist gut. Ich denke, die Fans respektieren meine Privatsphäre. Aber ich bin natürlich auf dem Laufenden, was die Jungs noch so alles treiben. Björn und Benny sind so kreativ, sie nutzen all die Zeit der Welt, um Pläne für ein weiteres ABBA-Revival zu schmieden. Und sie schreiben natürlich auch andere Musicals...

Verdienen Sie an solchen Geschichten wie „Mamma Mia!“ eigentlich mit?
Nein, nicht dass ich wüsste. Außer natürlich, wenn unsere Songs im Radio gespielt werden. Es klingt vermutlich wenig glaubhaft, wenn jemand wie ich sagt: Geld bedeutet mir nicht so viel.

Wofür geben Sie es aus?
Hm, mir ist es wichtig, in einem guten Haus zu leben, an einem schön angelegen See mit frischer Luft zum Durchatmen. Ich bin kein Stadtliebhaber, ich halte mich in der Stadt nicht gerne auf. Auch, weil ich so viele Geräusche auf einmal nicht hören mag.

Wie sieht denn heute ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?
Ich gehe viel mit meinen Hunden in den angrenzenden Wäldern spazieren. Ich habe drei Enkelkinder, um die ich mich oft kümmere. Manchmal setzte ich mich mit ihnen ans Klavier, und wir haben etwas Spaß – aber das ist es auch schon. Es ist ein eher stilles, einfaches Leben.

Wenn Sie eine Frau wie Madonna sehen, haben Sie dann Respekt oder ist es eher Mitleid, weil sie immer noch dem Erfolg hinterherjagt, den Sie damals freiwillig aufgegeben haben?
Madonna gibt nie auf, nicht wahr? Es bedeutet ihr zu viel. Ich denke, dieser Teil ihres Lebens macht 95 Prozent für sie aus. Zumindest wirkt es von außen so, es scheint auch sehr anstrengend zu sein. Aber es ist bewundernswert, dass sie die Energie dazu hat. Sie muss in guter körperlicher Verfassung sein.

Aber Sie wird auch viel kritisiert. Es ist fast so, als wäre es einer Frau über 50 nicht mehr erlaubt, auf der Bühne zu stehen!
Das macht mir ein wenig Sorge: Was soll denn jetzt aus mir werden, wo ich 63 bin?

Sie gehen doch eh nicht auf die Bühne!
Nein, vermutlich tue ich das wirklich nicht.

Oder ist es doch vorstellbar, dass Sie Ihr Duett mit Gary Barlow von Take That einmal in einer TV-Show darbieten?
Ich weiß es noch nicht, aber ich sage auch nicht pauschal nein. Wir sammeln erst mal alle Anfragen und gucken, was wir machen wollen. Aber ich fühle mich auf der Bühne nicht so wohl wie im Studio. Eigentlich fühle ich mich nur im Studio so lebendig, dass ich alle Emotionen in die Musik legen kann.

Sind Sie eigentlich Take-That-Fan?
Das ist zu viel gesagt. Ich wusste, wer er ist, aber ich habe ihn bisher ja noch nicht mal getroffen! Ich war auf Mallorca im Urlaub, als er seine Tonspur im Studio in Stockholm eingesungen hat. Aber ein Treffen ist geplant, wenn ich in London bin. Es ist verrückt, dass es technisch überhaupt möglich ist, ein Duett zusammen zu machen, ohne zur selben Zeit am gleichen Ort zu sein. Jörgen hat schon viel mit Gary Barlow zusammen geschrieben. Ich finde, unsere Stimmen harmonieren wundervoll.