© Universal Music/Alex Brüel Flagstad

Interview
02/18/2020

Agnes Obel will dem Tunnelblick misstrauen

Im KURIER-Interview spricht die Songwriterin über Vor- und Nachteile der Kurzsichtigkeit, den Verlust des Vaters und ihren Mann

von Brigitte Schokarth

Kann man sich selbst und seiner Urteilskraft trauen? Haben Instinkte und Gefühle immer recht, oder sind sie eine Verzerrung der Realität?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die in Berlin lebende dänische Musikerin Agnes Obel in ihrem Freitag erscheinenden Album „Myopia“ („Kurzsichtigkeit“). Musikalisch bleibt die 39-Jährige dabei ihrem anspruchsvollen Singer/Songwriter-Sound treu und hat mit den Instrumenten Klavier, Spinett und Violine einen verträumten Klangteppich geschaffen, den sie mit einnehmenden Melodien krönt.

KURIER: Frau Obel, wie beantworten Sie diese Fragen nach Zweifel und Vertrauen?

Agnes Obel: Alles, was wir sehen, ist eine Repräsentation der Realität. Unser Hirn sammelt Informationen, überlagert sie und macht daraus das, was für uns relevant ist. Das ist gut, weil die Fähigkeit einen Tunnelblick zu entwickeln und sich derart auf eine Sache zu fokussieren, dass alles andere ausgeblendet ist, macht es Menschen möglich, kreativ zu sein. Sie ist auch in der Wissenschaft wichtig. Der Nachteil aber ist, dass man sich darin verlieren und verrennen kann, wie viele Beispiele in der Geschichte der Menschheit gezeigt haben. Darauf gehe ich aber in den Songs gar nicht ein. Ich gehe bei „Myopia“, mit Ausnahme von zwei Songs, nur von meinen Zweifeln aus und hinterfrage mein Vertrauen. Der Ausgangspunkt dafür war, dass ich mich beim vorigen Album „Citizens Of Glass“, damit beschäftigt habe, wie Technik und soziale Medien unsere Anschauungen und auch unser Selbstbild verzerren. Dabei habe ich aber gemerkt, dass auch mein eigener Verstand permanent die Realität verzerrt.

Dann ist es gut, dem eigenen Verstand nicht zu trauen?

Ich finde, es ist naiv, immer dem eigenen Urteil zu trauen. Und dass es wichtig ist, das zu akzeptieren. Ich denke, wir sollten alle unserem Urteil mehr misstrauen, immer im Hinterkopf haben, dass das, was wir sehen, nie alles ist. Dann würden wir vielleicht öfter links und rechts schauen, andere Perspektiven kennenlernen und ein klareres Gesamtbild bekommen.

Einer der Songs, der nicht von Ihnen selbst handelt, ist „Island Of Doom“. Gehen Sie dabei auf den Tod Ihres Vaters ein?

Ja, denn auch er lebte in einer Tunnelvision und zeigte mir einen Nachteil davon. Denn mein Vater hatte sehr lange mit schweren Depressionen zu kämpfen, und an ihm habe ich gesehen, wie Leute, wenn sie sich nur auf das Negative fokussieren, darin untergehen, als wären sie in Treibsand gefangen. Er war einmal bankrott gegangen und hat das nie überwunden, war wie gefangen in den Gedanken daran. So, dass es ihm unmöglich war, etwas anderes zu sehen. Interessant ist, dass ich persönlich genau das brauche, um Songs zu schreiben. Ich arbeite immer in völliger Abschottung. Mein Mann und ich, wir leben an der Spree in einem alten Fabriksgelände, wo ich auch proben kann und wo immer wieder Künstler vorbei kommen. Da denke ich schon manchmal, es wäre schön, auch mal mit anderen zusammenzuarbeiten. Aber für mich ist das immer ein Balance-Akt: Einerseits will ich mich beim Schreiben komplett in der Musik verlieren können, andererseits will ich nicht die Perspektive verlieren.

Als wir bezüglich „Citizens Of Glass“ sprachen, sagten Sie, dass Sie ein Problem damit haben, über Ihnen nahe stehende Personen Songs zu schreiben. Hat sich das jetzt geändert?

Na ja, jetzt ist der Song draußen und ich kann es nicht mehr ändern. Aber ich hatte ein extrem starkes Bedürfnis, über den Tod meines Vaters zu schreiben. Nicht gleich danach, aber nach einer Weile des Trauerns. Denn ich hatte diese wiederkehrenden Träume, in denen ich ihn getroffen habe. Da war er immer in einem Swimmingpool, immer unter Wasser, kam, um mich zu sehen, und verschwand wieder. Aber ja, es ist immer noch sehr eigenartig, derart Persönliches preiszugeben.

Ihr Vater hat ungewöhnliche Instrumente gesammelt. Welche waren denn die, die Sie als Kind am liebsten gespielt haben?

Das war immer schon das Klavier, denn er hatte einen wunderbaren Steinway-Flügel. Toll war auch das Vibraphon, denn darauf klingt alles gut, egal was du machst. Mein Vater hatte außerdem eine Glasharfe, Gitarren und viele Drums. Die Drums mochte ich aber nicht. Mein Bruder hat sie immer in diesem großen Raum mit den Instrumenten gespielt, aber mir war das viel zu laut.

Schließt der Song „Camera’s Rolling“ an das Thema von „Citizens Of Glass“ und die Gedanken über die Auswirkungen von Selfies an?

In dem Song geht es auch um Zeit und wie unfassbar sie ist. Wenn ich in Dokumentationen alte Aufnahmen zum Beispiel von Straßenszenen einer Stadt sehe, frage ich mich oft, ob diese Leute noch leben, wo sie damals hingegangen sind, ob sie Familie hatten und so weiter. Und dann bin ich fast paralysiert davon, wie viele Leute schon auf diesem Planeten waren, und wie unaufhaltsam die Zeit voranschreitet. Und ich denke, all die, die mit ihren iPhones etwas filmen, versuchen, den Moment und die Zeit festzuhalten. Dazu kommt aber auch, dass ich persönlich Kameras einfach nicht mag.

Aber arbeiten Sie nicht oft mit Ihrem Mann Alex vor der Kamera?

Ja schon, aber nur weil er mich dazu zwingt. Na gut, das ist jetzt auch übertrieben. Ich kann das mit ihm machen, weil ich weiß, dass dabei immer etwas Wunderschönes rauskommt. Aber ich vermeide es, für andere Leute vor der Kamera zu stehen. Denn man verhält sich vor der Kamera einfach anders. Ich verhalte mich anders vor der Kamera. Und man sieht das ja auch bei der Ästhetik von Selfies: Die Generation die damit aufgewachsen ist, findet das ganz normal. Aber mir kommt es unglaublich gekünstelt vor, wie die Leute dafür posieren. Insofern ist es schon im Anschluss an „Citizens Of Glass“ und eine Kritik an dieser Selbstinszenierung.

Musikalisch haben Sie für „Myopia“ ausschließlich akustische Instrumente verwendet, sie aber dann verfremdet. Warum das?

Ich wollte, dass diese Songs wie alte Erinnerungen oder verzerrte Traumbilder daherkommen. Etwas, das dir sehr vertraut vorkommt, wobei du aber keine Details erkennen kannst. Und ich glaube, das ist mir gelungen.

 

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