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Kultur
12/18/2018

16 Bücher für Weihnachten: Led Zeppelin, Science Fiction, Gedenkjahr und mehr

Bilder der berühmten Band, Lesestoff aus allen Bereichen: Und: Jetzt heißt es anfangen mit Cixin Lius atemberaubender „Trisolaris“-Trilogie.

von Peter Pisa, Georg Leyrer, Thomas Trenkler

Als sich 1968 die englische Rockband Led Zeppelin bildete, ging es nur darum: gegen den Strom zu musizieren. Der Strom – das waren die Bee Gees, Tom Jones, Heintje ... Led Zeppelin schaffte das laut und  locker. Viel wird man aus dem drei Kilo schweren BandLed Zeppelin“ (Reel Art Press, 448 Seiten, 61,70 Euro) nicht erfahren. Aber es ist der erste und einzige Bildband der Band, die dafür ihre persönliche Sammlung geöffnet hat. 300 Millionen verkaufte Alben sind ein Zeichen dafür, dass dafür Interesse bestehen könnte.

Jetzt heißt es anfangen mit Cixin Lius atemberaubender „Trisolaris“-Trilogie

24-Stunden-Überwachung durch die Smartphones, demokratische Auflösungserscheinungen in Richtung Twitterkratie, Fake-News-Revolten: Die Realität hat dem Science-Fiction-Genre zumindest in seiner zukunftsnegativen Ausformung zuletzt die Latte beständig höher gelegt. Mit all dem Knirschen im Gefüge muss die Fantasie erstmal mithalten können, ohne überspannt zu wirken.

 

Ausgerechnet aus China – wo so viel Zukunft passiert, dass es für die Europäer wie Science Fiction wirkt – kommt ein Werk, dass sich dieser Auserzählung der düstersten Science Fiction durch die Realität erwehren kann. Und, selten genug, wirklich neue Maßstäbe in einem Genre setzt, in dem man schon alles gesehen zu haben glaubt.

Höchste Zeit

Wer das noch nicht getan hat: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, in Cixin Lius atemberaubende „Trisolaris“-Trilogie einzusteigen, oder diese zu Weihnachten den Science-Fiction-Freunden in Ihrer Nähe zu schenken. Denn am 8. April erscheint der dritte und letzte Teil, „Jenseits der Zeit“, auf Deutsch; genügend, aber auch höchste Zeit, noch die ersten beiden "Die drei Sonnen" und "Der dunkle Wald" zu lesen.

Es lohnt sich, alleine für die Momente, in denen sich das Buch in den Alltag einmischt: Derart groß angelegt, wüst und am Selbstbild des Menschen rüttelnd ist es. Alle 50 Seiten oder so zieht es dem Leser den Boden unter den Füßen weg. Und der bleibt auch, am Ende eines umwerfenden Leseerlebnisses, weg. Die drei Bände erzählen, im Großen, eine weiterverzweigte Saga über die Zukunft des Menschen; und im Kleinen, wie hilflos und ungeeignet der Mensch dafür ist, die Folgen seiner Entscheidungen abzuschätzen, wenn diese Folgen nicht mehr auf die Erde beschränkt sind.

Wir suchen nach Aliens. Was aber, wenn wir sie finden? Und, unendlich gewichtiger, wenn sie uns finden? „Die drei Sonnen“, der erste Band, ist kein Alien-Schocker; die Furcht, die das Buch lehrt, geht tiefer als ET-will-dich-aufessen. Cixin Liu, vielfach ausgezeichnter Starautor in China, dröselt genüsslich die Fäden jeder Gewissheit auf, in der wir leben, und spinnt daraus eine neue Welt, in der wir leben könnten – und auf die wir in keiner Weise vorbereitet sind.

Die Trilogie erzählt von Sehnsucht und Leben, von Aufschwung und Untergang, von Hoffnung und Ende ; vom Universum als dunklem Wald, vom Krieg aus der Sicht des Schwächeren und vom Krieg aus der Sicht des Stärkeren; von Hochmut und Hass und Mathematik und Physik und Literatur. Und wälzt neben all dem anderen auch die Frage, ab welchem Moment man beim Sturz in ein schwarzes Loch tot ist: Eigentlich nie, weil die Zeit für den Fallenden endet, aber das ist versicherungstechnisch halt ein Riesenproblem.

Kurztipps

Begrüßung mit Lachsköpfen

Eine Delikatesse: Geschichten rund ums Essen. Ganz ohne Rezepte, die ohnehin fast immer gleich sind. Aber eine Reise nach Indien, wo der Reis eine Seele hat; und nach China, wo für den Küchengott ein papierenes Pferd verbrannt bzw. geopfert wird; zur Milchdiät ins südliche Äthiopien; zu den Kamtschadalen, wo Fremde freudigst mit gekochten Lachsköpfen begrüßt werden ...

Im eigenen Fett gebratene Holzkäferengerlinge schmecken nicht nur den Indianern sehr gut. Angeblich.

Erich Renner: „Der Speisen Würze“, Edition Zeitblende. 224 Seiten mit 50 Illustrationen. 35 Euro.

Das Ende vom „Eislaufkind“

Worum  geht es in einem Buch, das „Pirouetten“ heißt? Ums Eislaufen, genau. Aber nur vordergründig. Es sieht fast nach Tarnung aus. Vor allem ist es ein autobiografischer Comic der amerikanischen Zeichnerin Tillie Walden darüber, wie sie aufhörte, ein „Eislaufkind“ zu sein. Wie sie das exakte Regelwerk verließ, wie sie bei sich, in ihrem Körper, ankam, und nun erkannte sie: Sie ist lesbisch. Ein Buch für junge Menschen, das sie stark macht; und das gilt durchaus auch für Burschen.

Tillie Walden: „Pirouetten“, Übersetzt von Sven Scheer. Reprodukt Verlag. 400 Seiten. 29,90 Euro.

Laden wir einander ein

Michelle Obama hat nicht vor, in die Politik zu gehen. Sie hat genug erlebt. Aber wer das Buch liest, wird sie wählen wollen. (Durchaus auch in Österreich, nach Van der Bellen.) „Becoming“ ist ein Weltbestseller. Zu Recht. Nicht nur ihr dreht es zurzeit „vor Wut den Magen um“ ... obwohl ihre Botschaft bleibt: Türen auf, laden wir einander ein.

Michelle Obama:  „Becoming“. Übers. von Harriet Frickem Tanja Handels, Elke Link, Andrea O’Brien, Jan Schönherr, Henriette Zeltner. Goldmann. 544 Seiten. 26,80 Euro.

Es gibt solche und solche Vampire

Noch ein Rückblick auf Kindheit und (Missbrauchs-)Trauma. Für fortgeschrittene Leser, wie man so sagt. Dafür mit Sätzen von Sophie Reyer, die man so noch nie vernahm: „Es ist zu spät, um sich tot zu sterben.“ Ein Mädchen teilt die Erwachsenen ein: Es gibt Vampire, die beißen, um allen Schmerzen zu bereiten. Und Vampire, die beißen, weil sie überleben wollen.

Sophie Reyer:  „Vampyrella“. edition keiper. 136 Seiten. 18 Euro.

Damit Besucher nicht abblitzen

Grado hat man sofort lieb. Triest aber will langsam erobert werden. Das neueste Buch, das hilft, damit die Stadt die Besucher nicht abblitzen lässt, ist kein typischer Triest-Führer. Es hat mehrere Autoren und ganz viel Geschichte,  ganz viel Kunst ... und nur wenig (bissl zu wenig) Kaffeehäuser, Buschenschank und Schweinsohren.

Peter Weinhäupl (Herausgeber): „Triest“. Brandstätter Verlag. 240 Seiten mit 250 Farbfotos.50 Euro.

Als wären  die Menschen Vögel

Zwischen Rotensterngasse und der „Aida“ am Praterstern (mit Ausflug auf die Donauinsel). Zwischen Morgen und Abend. Man begegnet Menschen, die reden wollen; und missverstanden werden, als wären sie Vögel, deren Sprache wir nicht können. Martin Kubaczek erzählt in Gedichten: Das sind zärtliche Berührungen des sogenannten Fremden.

Martin Kubaczek: „Palais Rotenstern“. Edition Korrespondenzen. 100 Seiten. 18 Euro.

Gedenkjahr 1918/1938: Empfehlenswerte Neuerscheinungen

Marie-Theres Arnbom: „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“.

Aus der Volksoper vertrieben – Künstlerschicksale 1938. Amalthea, 206 Seiten, 25 Euro.

Am 12. März 1938, als die deutschen Truppen ohne Gegenwehr in Österreich einmarschiert waren, ahnten Ada Hecht, Sopranistin an der Volksoper, und ihr Mann Maximilian, ein Bankier, was kommen würde. Es ging ihnen ausschließlich darum, ihren 20-jährigen Sohn Manfred in Sicherheit zu bringen. Sie ließen ihm 17 Anzüge anfertigen, kauften Hemden und Schuhe, gaben ihm Wertsachen für den Notfall mit: eine Tabatiere und eine Uhr aus Gold sowie eine diamantenbesetzte Krawattennadel. Ausgestattet zudem mit 70 Empfehlungsschreiben reiste Manfred Hecht am 10. August 1938 nach Triest, um dort ein Atlantikschiff zu besteigen.

Die Eltern blieben zurück in Wien. Bis 1941 schickten sie dem Sohn immer wieder Klavierauszüge, um ihn zu unterstützen und im Glauben, dass diese in New York schwer zu bekommen seien. Und sie schrieben ihm unglaublich viele Briefe. Die Historikerin Marie-Theres Arnbom hat sie gesichtet. Sie stellte fest: „Im Laufe der Jahre verändert sich Adas Handschrift und zeigt die steigende Panik, die wachsende Angst – Todesangst. Ein entsetzliches Zeugnis von Menschen, die in der Falle sitzen.“ Ada und Maximilian Hecht, von den Nationalsozialisten in eine Sammelwohnung gepfercht, gaukeln dem Sohn ein heiteres Leben vor. Doch das Warten auf ein Visum für Kuba und eine Passage wird zum Martyrium.

Der letzte Brief ist mit 6. November 1941 datiert. Der Vater schreibt: „Der Mutti geht’s schon Gottlob besser. Sie ist überhaupt sehr tapfer. Sie nimmt wieder Leberinjektionen ebenso Arsen und wir wollen zu Gott hoffen, dass sie bald wieder fesch beisammen sein wird. (...) Ganz gesund könnten wir nur bei Euch werden. Das liegt aber in Gottes Hand.“

Im Herbst 1942 werden die Hechts mit unterschiedlichen Transporten nach Theresienstadt verbracht: In diesem nationalsozialistischen Vorzeigelager – „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ – herrscht ein reges Kulturleben; ausgemergelt, halb verhungert nimmt Ada Hecht daran teil: Sie singt unter anderem berückend die Königin der Nacht, zudem die Carmen und die Tosca.

Am 28. Oktober 1944 werden Ada und Max Hecht nach Auschwitz deportiert. Erst ein Jahr später erhielt der Sohn in New York die Nachricht: „Es muss leider angenommen werden, dass sie dort vergast wurden.“

Die Geschichte der Familie Hecht ist nur eine von vielen, die Arnbom im Auftrag der Volksoper mit unglaublicher Akribie recherchiert hat: Im Buch „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“ ruft sie all jene zurück ins Gedächtnis, die nach dem „Anschluss“ aus der Volksoper vertrieben wurden.

Als ein roten Faden dient ihr die letzte Produktion vor der Machtübernahme: Am 16. Februar 1938 erlebte die Revueoperette „Gruß und Kuß aus der Wachau“ ihre Uraufführung. Fritz Löhner-Beda (Libretto) wird 1942 im KZ Auschwitz ermordet, Hugo Wiener und Kurt Breuer (Textbuch) fliehen nach Kolumbien beziehungsweise in die USA, Harry Neufeld (Choreografie) und Kurt Hesky (Regie) nach Brasilien. Die Sängerin Hilde Güden überlebt in Italien, ihr Kollege Victor Femming wird in Luxemburg verhaftet und erleidet im Herbst 1944 das gleiche Schicksal wie Ada Hecht.

 

Monika Faber und Susanne Neuburger (Hg.): Photo / Politics / Austria.

Texte u.a. von Michaela Maier und Andreas Lehne. Walther König, 152 Seiten, 19,80 Euro

Im Haus der Geschichte wird man von der Masse an Exponaten, Plakaten und Botschaften beinahe erschlagen. Monika Faber, Spezialistin für Fotografie, geht im Mumok mit ihrer chronologischen Ausstellung „Photo / Politics /Austria“ (bis 3. Februar) den gegenteiligen Weg: Sie hat für (beinahe) jedes Jahr bloß ein einziges Sujet ausgesucht. Das Konzept funktioniert auch hervorragend als Katalog. Man stößt auf viele bekannte Motive (etwa Claus Peymann und Thomas Bernhard bei der Uraufführung von „Heldenplatz“ 1988 im Burgtheater), aber auch auf vergessene Bilder. Sensationell zum Beispiel das Foto vom Männchen Engelbert Dollfuß 1933 nach seiner Landung in London am Flughafen. Das Jahr 1938 symbolisieren jubelnde Menschen mit Hakenkreuzfahnen – eng zusammengedrängt auf dem Dach einer öffentlichen Bedürfnisanstalt.

Peter Autengruber: Verschwundene Wiener Straßennamen.

Edition Winkler-Hermaden, 124 Seiten, 19,90 Euro

In seinem Buch „Verschwundene Wiener Straßennamen“ beschäftigt sich Peter Autengruber mit dem Phänomen, dass jedes politische System die Verkehrsflächen für Huldigungen nutzt. 1934 wurde z.B. der Freiheitsplatz vor der Votivkirche (heute Rooseveltplatz) nach Dollfuß benannt. Bereits vier Jahre später folgte Hermann Göring als Namensgeber. Und der Rathausplatz wurde zum Hitlerplatz. Die Nazis tilgten nicht nur Zeugnisse des Austrofaschismus: Sie machten das Verkehrsflächennetz „judenrein“, nur die Judengasse und der Judenplatz blieben bestehen.

Margarethe Kainig-Huber, Franz Vonwald: Schreckensherrschaft in Niederösterreich 1938–1945.
Kral Verlag,  400 Seiten (großformmatig), 39,90 Euro

Unter dem Titel „Schreckensherrschaft in Niederösterreich 1938–1945“ haben Margarethe Kainig-Huber und Franz Vonwald mit unglaublichem Eifer Materialien und Zeitzeugen-Berichte über den Alltag im Nationalsozialismus zusammengetragen. Das Layout des Kompendiums (gedacht vor allem für den Unterricht) ist leider ein bisschen handgestrickt.

Eva Blimlinger, Heinz Schödl (Hg.):  ... (k)ein Ende in Sicht. 20 Jahre Kunstrückgabegesetz in Österreich.
Böhlau Verlag, 422 Seiten, 36 Euro

Bei der Enteignung der Juden gingen die Nationalsozialisten blitzschnell und gründlich vor: In der Neuen Burg wurde ein riesiges Lager für die geraubte Kunst eingerichtet. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es, zum Teil nur sehr halbherzig, zur Restitutionen. Wie der Fall Rothschild, im Februar 1998 vom Autor dieser Zeilen recherchiert und bekannt gemacht, zeigte, bereicherte sich die Republik schamlos: Man gewährte eine Ausfuhrerlaubnis der Sammlungen nur im Gegenzug von Schenkungen.

Im Spätherbst 1998 beschloss die damalige Regierung das Kunstrückgabegesetz. Es wurde zunächst „Lex Rothschild“ bezeichnet; doch schon bald stellte es sich heraus, dass es wesentlich mehr Fälle als angenommen gab. Die Kommission für Provenienzforschung, geleitet von der Historikerin Eva Blimlinger, ist weiterhin mit der Aufarbeitung der Fälle beschäftigt.

Anlässlich 20 Jahre Rückgabegesetz brachte Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste, zusammen mit Heinz Schödl, der im Kanzleramt die Angelegenheit betreut, unter dem Titel „...(k)ein Ende in Sicht“ einen Rückblick heraus – samt Erhebung des gegenwärtigen Standes. Im Mittelpunkt stehen einzelne Objekte, darunter das an die falsche Familie ausgefolgte Gemälde „Apfelbaum II“ von Gustav Klimt oder der Hammerflügel, der einst Frida Gerngross gehört hatte, oder der enteignete Austro Daimler ADR aus dem Technischen Museum, dessen Vorbesitzer bis heute nicht herausgefunden werden konnte.

Hoch interessant ist u.a. der Beitrag von Alexandra Caruso über ein Gemäldefragment von Anton Kolig; Agnes Essl erwarb es 1984 im Dorotheum um 80.000 Schilling. Das damals noch staatliche Auktionshaus hatte jahrzehntelang keine Bedenken, in der NS-Zeit geraubte Kunst „weißzuwaschen“. Obwohl Privatpersonen nicht zur Naturalrestitution verpflichtet sind oder werden können (der Sammler Rudolf Leopold zum Beispiel sträubte sich dagegen), wurde das Fragment im April 2017 zurückgegeben.

"14 Tage 1918". Die Anfänge der Republik in Tirol in 53 Zeitungsausschnitten. Tyrolia, 200 Seiten, 19,95 Euro

Das Haus der Geschichte in der Neuen Burg beginnt mit seiner Erzählung natürlich 1918. Schließlich geht es um 100 Jahre Republik. Einen reizvollen Zugang wählten Ivona Jelčić und Matthias Breit mit „14 Tage 1918“: Sie rekapitulieren die Anfänge der Republik in Tirol anhand von 53 markanten, ausführlich kommentierten Zeitungsschnipsel. Ausgewählt wurden zum Beispiel die Nachricht „Die Grippe-Todesfälle in Innsbruck“, die Anzeige „Lebende Frösche werden zu hohen Preisen gekauft“ – und der Bericht „Gegen die vielen Juden in den neuen Staatsländern“.