Kolumnen
09.09.2018

Zwischen Ball und Politik

Als Bosniens Verband gegründet wurde, war Kapitän Marko Arnautovic schon ein Vorstadt-Talent.

In der 62- jährigen Europacupgeschichte passierte es ein einziges Mal, dass österreichische Fußballfreunde erst nach der Heimkehr der Mannschaft Resultat und Details erfuhren. Das war im Frühherbst 1970, ...

als Wacker Innsbruck in Tirana den Aufstieg pflichtgemäß schaffte; als man Reportern Telefonate nicht gestattete; als dem Diktator

Enver Hoxha selbst die Sowjetunion zuwenig kommunistisch war; als viele Albaner nicht einmal festes Schuhwerk und Kicker nur Fußballstiefel aus der Vorkriegszeit besaßen.

Mittlerweile ist es (zumindest für die internationale Mittelklasse) keine Schande mehr, in Albanien zu verlieren. Bleibt im Sinne von Andreas Herzog zu hoffen, dass man dies auch in Tel Aviv so sieht. Und es ungeachtet von Herzogs rundem Geburtstag nicht schon nach dem missglückten Teamchefdebüt des Wieners in israelischen Medien rund geht.

Israel verlor zum Auftakt der Nations League in Albanien 0:1. Nachdem das zum Teamcomeback überredete israelische Enfant Terrible Eran Zahavi zwei große Chancen vergeben hatte.

Geburtstag

Seinen 50er wird Herzog morgen in Belfast „feiern“, wo Israel gegen Nordirland antritt und wo die Nordiren nach dem gestrigen 1:2 gegen Bosnien am Dienstag schon für ihr Wiener Spiel gegen Österreich (12. Oktober) proben werden.

Im November muss Franco Fodas Auswahl nach Belfast. Ältere Alt-Internationale können sich nicht nur an das dort stets scharfe Lüfterl erinnern, sondern auch an Zettel, die ihnen beim Einchecken im Hotel in die Hand gedrückt wurden mit der Aufforderung, die Gardinen wegen Gefahr von Heckenschützen zuzuziehen. IRA-Terror ist nicht mehr zu befürchten.

Vor Österreichs Auswärtsspiel am Dienstag in Bosnien fällt es noch schwerer, ein ungeschriebenes Sportjournalistengesetz zu befolgen, wonach Politik mit dem Fußball nicht vermengt werden dürfe. Vielmehr gebührt Legionären mit jugoslawischen Genen (im Gegensatz zu manch ihrer zu nationalistischen Fans) Bewunderung dafür, wie sie sich außerhalb der Heimat ihrer Vorfahren durchsetzen. Siehe Vizeweltmeister Luka Modric (Kroatien/Real Madrid), siehe Edin Dzeko (Bosnien/AS Roma), siehe auch Marko Arnautovic (Österreich/West Ham).

Friedensspiel

Während der siebenjährige Marko in Wien-Floridsdorf im Ballkäfig Gleichaltrige narrte, wurde der bosnische Verband im zerstörten Sarajevo erst gegründet. Wurde kurz später, am 6. November 1996, ein Friedensspiel mit Italien organisiert, dem ich unter abenteuerlichen Umständen beiwohnen durfte. Panzer standen an den Kreuzungen. Als Quartier diente das halbausgebrannte Holiday Inn, im Hotelkeller schaufelten US-Soldaten, die MP geschultert, Ham und Eggs in sich hinein.

Ab 22 Uhr galt Ausgangssperre. Anderntags strömten 38.000 zum Stadion, dessen Trainingsplatz zum Friedhof umfunktioniert worden war, weil man nicht mehr wusste, wohin mit den vielen Bürgerkriegstoten.

Bosniens 2:1 gegen Italien ließ für einen Novembernachmittag die Alltagsängste vergessen. Der beste Mann der Überraschungssieger, Hasan Salihamidzic, fungiert heute als Sportdirektor des FC Bayern. Und der Schiedsrichter von Sarajevo 1996, Robert Sedlacek, ist Präsident des Fußballverbandes von Wien. Wo Spieler mit Migrationshintergrund quantitativ wie qualitativ längst dominieren.

Durchaus möglich, dass Herzog (103 Länderspiele) dem Trend entsprechend als ÖFB-Rekordinternationaler von David Alaba (64 Länderspiele) oder Arnautovic (73) einmal abgelöst werden wird. Letzterer hat serbische Wurzeln und führt Österreichs Team in Bosnien erstmals als Kapitän aufs Feld.