Flaschenpost
09/18/2020

Wolferl suchen

Kein Märchen vom bösen Wolf, sondern eines jener Trauben, die am längsten am Stock hängen.

von Juliane Fischer

September Anno 1862 hieß es im Gemeinderatsprotokoll jener kleinen Ortschaft aus der ich stamme: „Wenn es einzelne Wirtschaftsbesitzer wünschen, ihre Trauben über die bestimmte Hauptlesezeit hinaus hängen zu lassen, so soll diesen kein Hindernis in den Weg gelegt werden, nur müssen sie um Verlängerung des Schlusses ansuchen und für diese Zeit den Hütter separat bezahlen, das sogenannte Wolfsuchen bleibt verboten.“ Wolferl suchen? Dabei spürt nicht der Wolf die sieben Geißlein auf, sondern Schleckermäuler schauen sich beim Herbstspaziergang nach übersehenen Trauben um. Elisabeth Arnberger schreibt in ihrem empfehlenswerten Wein-Wörterbuch, dass es um den Namenstag des Heiligen Wolfgang (31. Oktober) geht. Bis zu diesem Tag schloss man nach alter Sitte die Lese ab. Danach konnte jeder sein Naschglück versuchen. Im heißesten Jahr seit Winzergedenken (2018) beendet Artur Toifl vom Weingut Thiery-Weber Mitte des Monats die Ernte. Alle Trauben, die in den 37 Feldstücken noch hingen, wurden gemeinsam vergoren. Fast 14 Volumprozent Alkohol und 15 Gramm Restzucker verwundern nach dem heißen und trockenen Sommer nicht.

Das Bukett erinnert mich an getrocknete Orangenscheiben, die im Advent an die Fensterscheiben klackern und an Strudeläpfel. Am Gaumen kommt die Schärfe von Galgant dazu. Das Gewürz sollte man beim Apfelstrudel nicht mit Zimt verwechseln. Aber ich schweife ab ... Wie Toifls Mischkulanz vom letzten Lesedurchgang heißt? Na „Wolferl“, natürlich.

Sie kostet sich durch die Weinwelt, arbeitet als freie Journalistin und zum Ausgleich in ihrem Weingarten in Niederösterreich.
Auf den Geschmack gekommen? Bei Anregungen und Feedback zu Wein und Weinkultur schreiben Sie der Kurier-Freizeit-Redaktion unter flaschenpost@kurier.at

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