Johanna Sebauer

Johanna Sebauer im WM-Fieber: Warum das Wohnzimmer das Stadion schlägt

Ein Thema - drei verschiedene Perspektiven. Hier schreiben abwechselnd Autor Franzobel, Schauspieler Alfred Dorfer und Schriftstellerin Johanna Sebauer.

Von Autorin Johanna Sebauer

Es mag am Älterwerden und dem damit verbundenen wachsenden Hang zur Bequemlichkeit liegen, aber was das Fußballschauen angeht, bin ich Puristin geworden. 

Soll heißen: Ich will Fußballschauen und sonst nichts. Keine Ablenkungen, kein Schnickschnack, kein Trallala. Während ich mich vor einigen Jahren bei Großereignissen noch freudig ins Getümmel vor den Großleinwänden diverser Fan-Meilen warf oder mich ins zum Bersten volle Eckbeisl hineingrub, um das Match in Gemeinschaft zu erleben, ist mir heute genau das zuwider. 

Fußballschauen ist manchmal wie ein gutes Buch zu lesen, oder ein Gedicht, das man sich langsam, Satz für Satz, erarbeiten möchte – alleine im Lesesessel, ohne störende Nebengeräusche.


Auch beim Fußball will ich das. Will mich konzentrieren, will alles sehen, jeden Grashalm, der den Ball berührt, kurz bevor ihn der 11-Meter-Schütze auf Reisen schickt, die Wiederholung eines gelungenen Spielzugs aus zehn verschiedenen Perspektiven, jedes Sorgenfältchen auf der Stirn des Verteidigers nach dem Gegentor. 

Wozu haben wir Ultra-HD, wozu die Superzeitlupe? Damit wir sie uns von auf die Public-Viewing-Leinwand fallenden Sonnenstrahlen wegblenden lassen? Bitte nicht!

Zuhause hab ich eine unverstellte Sicht auf das Geschehen. Kein farbenfroher Fan-Hut schiebt sich mir ins Blickfeld, kein vor mir hopsender Jubelchor hindert mich daran, die Wiederholung eines Tors in all seinem Detailreichtum zu sehen, niemand rempelt mich versehentlich an, sodass mein Getränk in genau dem Moment, der schließlich das Spiel entscheidet, auf mein T-Shirt schwappt. 

Im Wohnzimmer schau ich Fußball wie durch ein Mikroskop, fast so, als würde das Spiel für mich allein gespielt. Und das ist wunderbar!

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