Kolumnen
06/27/2022

Wie man eine Gegend ruiniert

Ein trauriges Grätzel am Alsergrund. Manchen hilft die Erinnerung an bessere Zeiten

von Barbara Beer

Es ist still hier an der Währinger Straße Nummer 30 geworden. Man könnte auch verwahrlost dazu sagen. Dass hier gegenüber des Josephinums einmal ein öffentlich zugänglicher Park samt wunderbarem Bistro war, kann sich keiner mehr vorstellen. Die alten Ahornbäume erinnern sich vielleicht noch daran. Das Haus, das bis 2016 Gäste empfing, hat wohl lange keiner mehr betreten, das Gras keiner mehr gemäht. Weiter hinten, durch den Zaun und das Blätterdickicht kaum zu erkennen, steht ein einst prächtiges Palais. Nichts lässt mehr erahnen, dass hier einmal ein lebendiger Veranstaltungsort und Treffpunkt für alle an französischer Kultur Interessierten lag, mit Sprachkursen, Bibliothek, Vorträgen und Festen. Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass man sich an manches, das rund um das 1834 erbaute Palais Clam-Gallas vorgefallen ist, nicht mehr erinnert. Es hätte jedenfalls nicht sein müssen, dass Frankreich das Palais, in dem das französische Kulturinstitut untergebracht war, ein Wahrzeichen französischer Kultur und ein lebendiger Treffpunkt für den Alsergrund, an den Golfstaat Katar verkauft. Es hätte auch andere Interessenten gegeben. Und der Kaufpreis lag am Ende weit unter den Erwartungen. 22 Millionen Euro sind es geworden, von 30 war die Rede gewesen.

Seit 1951 besaß die Republik Frankreich das Palais, dessen Park an das Lycée Français grenzt. Warum man es trotz heftiger Proteste des Bezirks sowie vieler Anrainer und Kulturschaffender 2016 ohne Not an das Emirat Katar verkaufte, wissen nur die Franzosen selbst.

Abgesehen von weltpolitisch hinterfragenswürdigen Entscheidungen: Für die Wiener bedeutet das weniger Leben im Grätzel. Noch weniger, denn dank US-Botschaft ist auch die benachbarte Boltzmanngasse seit Jahren totes Gelände. Nach sechs Jahren Stillstand soll laut Architekten nun der Umbau des Palais Clam-Gallas beginnen. Irgendwann wird die Botschaft von Katar einziehen. Die Wiener werden davon nichts haben. Ihnen bleibt ein lebloses Grätzel – mit schönen Erinnerungen.

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