Kolumnen
06/09/2019

Wenn Thiem über Team dominiert

"Tagebuch": Preise und Gagen bestimmt eben der Markt.

In Frankreich begann soeben die Fußball-WM der Damen. Holt die deutsche Frauschaft den Titel, würde jede Spielerin 75.000 Euro erhalten. Zum Vergleich: Den Herren Stars von Joachim Löw waren vor der WM 2018 in Russland je 350.000 versprochen ... und nie ausbezahlt worden. Deutschland schied in der Vorrunde aus.

In Österreich waren und sind Aufstiegsprämien bei Länderspielen kein öffentliches Thema. Das wäre beim derzeitigen Gruppenstand trotz des 1:0-Sieges gegen Slowenien auch voreilig.

Ob an Stammtischen oder im Radio – über Tennis wird derzeit dank Dominic Thiem mehr als über das Fußball-Team geredet. Das war zuletzt vor 24 Jahren der Fall gewesen, als Thomas Muster das Finale von Paris gewonnen, während Toni Polster zur selben Zeit in Dublin Österreich beim 3:1-Sieg gegen Irland aus der Krise geschossen hatte.

Damals war Herbert Prohaska als Teamchef schon schwer angezählt gewesen. Damals war ein streng riechendes Stadionkammerl, das normalerweise Polizeihunden und ihren Wärtern als Warteraum diente, vom ORF vorsorglich zum Diskussionsstudio umfunktioniert worden, in dem Otto Baric gegen Prohaska loslegen sollte.

Jedoch: Erst vier Jahre später trat Baric die Nachfolge von Prohaska an.

Mittlerweile gilt Prohaska als moderater ORF-Analytiker. Die jeweiligen Teamchefs – gleichgültig, ob Marcel Koller oder aktuell Franco Foda – können von Glück reden, dass Prohaska sein Mikrofon nie in Salzsäure taucht.

Die Leistung gegen Slowenien hat Prohaska im ORF sogar als auffallend gut empfunden. Besser vermutlich als so mancher der 600.000 TV-Zeugen, während die Hardcore-Fans vor Ort nach einem 45-minütigen Stimmungs-Boykott erst in Hälfte zwei das ÖFB-Team anfeuerten. Ihr Protest richtete sich u.a. gegen die Kartenpreise.

Wer David Alaba und Co. im Wörtherseestadion auf die Beine sah, zahlte 30 bis 56 Euro.

Wer am 28. Juni Ed Sheeran im selben Stadion singen hört, hat Minimum 99,70 Euro für eine Karte ausgegeben.

Wer Sekunden nach Thiems Pariser Semifinalsieg für das Match gegen Titelverteidiger Rafael Nadal ein Ticket zu bekommen versuchte, hätte mit großem Online-Glück eines um 750-Euro ergattern können.

Der Finalsieger wird Paris um 2,3 Millionen reicher verlassen.

Preise und Gagen bestimmt eben der Markt. Oder wie es die Teamchefin der deutschen Damen-WM-Auswahl Martina Voss-Tecklenberg bemerkenswert neidlos formuliert: „Wir generieren nicht die Gelder, also können wir sie auch nicht in der gleichen Höhe wie die Männer fordern.“ wolfgang.winheim