Kolumnen

Fabelhafte Welt: Byebye, alte Wohnung!

Was bleibt, wenn man auszieht.

von Vea Kaiser

09/11/2021, 02:00 PM

WĂ€hrend wir Umzugskisten packten, wurde mir wehmĂŒtig bewusst, dass diese Wohnung zwar acht Jahre lang mein Zuhause war, aber schon bald nichts mehr daran erinnern wĂŒrde, dass wir je hier lebten.

Das Haus ist groß und seine Bewohner wechseln hĂ€ufig. Vielleicht wird zumindest denjenigen Nachbarn, die hĂ€ufig Waren online bestellen, mein Fehlen auffallen, wenn sie fortan ihren Packerln durch den gesamten Bezirk nachjagen mĂŒssen.

Da Schriftsteller schon vor dem Seuchenausbruch im stillen Homeoffice saßen, luden Paketboten ihre Sendungen bevorzugt bei mir ab. NatĂŒrlich nahm ich jede an, denn Nachbarn zu helfen, ist fĂŒr uns Landkinder so selbstverstĂ€ndlich, wie sich die ZĂ€hne zu putzen. Die dörfliche Nachbarschaftshilfe ist wahrscheinlich ein Erbe aus Urzeiten: Wenn man nicht gemeinsam mit Nachbarhöhlenbewohnern auf Mammutjagd geht, hat man nichts zu essen. Viele meine Stadt-Nachbarn schienen allerdings Nachkommen von SolitĂ€rjĂ€gern zu sein. Herr F. aus meinem letzten Mietshaus schrie mich einst an, ich hĂ€tte seinen Tag zerstört, weil ich zwei Mal nicht da war, als er sein riesiges Paket von mir holen wollte. Darin war sein besonders sanftes, aus medizinischen GrĂŒnden notwendiges Spezialklopapier – ob ich mir im Ansatz vorstellen könne, was ich ihm fĂŒr Probleme beschert hatte durch die Verzögerung? Der nun schon lange ausgezogenen Frau M. brachte ich einmal ein Packerl zur TĂŒr, weil ich sie anhand des Gebells ihrer Hunde nachhause kommen gehört hatte. Sie brĂŒllte mich wutentbrannt an, dass ich mit meinem Klopfen die Hunde aufgeregt habe und sie nun noch eine Runde gehen mĂŒsse, damit diese sich beruhigten. Und eine gehbeeintrĂ€chtigte Nachbarin namelte mich erst vor Kurzem, dass sie keine Hilfe brauche, sie komme gut alleine zurecht. Die Nachbarn werden mich also vermutlich nicht vermissen. Die Paketboten hoffentlich schon.

Vea Kaiser, das Ausnahmetalent aus Niederösterreich, ist seit ihrem umjubelten Buch-Erstling „Blasmusikpop“ von 2012 („großer Literaturspaß!“, „schwindelerregendes DebĂŒt“) unumstrittene Lichtgestalt der jungen heimischen Literatur. Sie schreibt fĂŒr die freizeit die wöchentliche Kolumne „Fabelhafte Welt“.

vea.kaiser@kurier.at

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