Kolumnen
28.01.2019

Stadtgeflüster: Besser amoi z'vü

Solange sich kein weniger aggressives Bild von Männlichkeit durchgesetzt hat, dürfen wir uns, wenn jemand lautstark streitet, nicht denken: „Nur ned einmischen.“

Es war an einem Herbsttag im Oktober. Ich war zu Fuß auf dem Weg nach Hause, als ich hörte, wie sich eine Frau und ein Mann lautstark stritten. Das Fenster ihrer Wohnung im Hochparterre stand zur Straße hin offen. Als ich mich näherte, bemerkte ich einen jungen Mann auf dem Fahrrad. Angesichts der Schreierei wurde er langsamer und gesellte sich zu mir. Unschlüssig – auch ob der Sprachbarriere –, was wir jetzt am besten tun sollten, hörten wir noch eine Weile zu und versuchten, das Gehörte zu interpretieren. Streiten die nur, weil sie einander furchtbar auf die Nerven gehen? Oder handelt es sich dabei um eine handgreifliche Auseinandersetzung?

Dass die Österreicher keine Ahnung haben, wie sie in solchen Situationen reagieren sollen, zeigt die neue Studie des Austrian Institute of Technology: Nicht einmal jeder 70. schreitet (siehe oben) ein.

Das ist ein Problem, aber nicht weiter verwunderlich, wenn der Rasiererhersteller Gillette nach einer Werbung, in der toxische Männlichkeit kritisiert wird, einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt ist. In der Werbung thematisiert Gillette sexuelle Belästigung von Männern an Frauen und Mansplaining (die fälschliche Annahme eines Mannes, dass er etwas besser wisse, als eine Frau, Anm.). „Ist das die beste Version eines Mannes?“ – fragt Gillette in Anlehnung an den langjährigen Werbespruch der Firma „Für das Beste im Mann“. Und zeigt dann die tatsächlich beste Version eines Mannes: Der Typ, der einschreitet, wenn eine Frau blöd angemacht wird. Der Papa, der einen Streit schlichtet, anstatt ihn anzustacheln. Der Bub, der sich trösten lassen darf und nicht stark sein muss.

Buben- und Männerarbeit ist das, wo wir ansetzen müssen. Solange sich kein weniger aggressives Bild von Männlichkeit durchgesetzt hat, dürfen wir uns, wenn jemand lautstark bei offenem Fenster streitet, nicht denken: „Nur ned einmischen.“ Wir müssen uns denken: „Besser amoi z'vü, ois amoi zweng“ – hinschauen nämlich. Und einschreiten. Im eingangs erwähnten Fall war das übrigens doch nicht nötig. Die beiden haben einfach aufgehört, sich anzubrüllen.