Kolumnen
11/20/2020

Spaßbefreit, aber mitfühlend

Nach der Verdirndelung und der Verlederhosung bleibt uns jetzt, zumindest vorerst, auch die Verhüttelung erspart

von Barbara Mader

Auch dieses Jahr hat seine guten Seiten. Im September blieb uns mit der diesmal digitalisierten „Wiener Wiesn“ die Verdirndelung und die Verlederhosung der Stadt erspart – samt der dazugehörigen Schlager-Geräuschkulisse. 
Sagen Sie ruhig, dass wir im Redaktionskomitee der Wiener Ansichten spaßbefreit sind. Wir sind das gewohnt. Und freuen uns daher, dass nach der Absage der Lederhosengaudi nun auch die Verhüttelung der schönsten Wiener Plätze samt der dazugehörenden Alkoholschwaden zumindest aufgeschoben ist.

Der Ausschank von Flüssigkeiten, die euphemistisch „Punsch“ genannt werden, hätte um diese Zeit des Jahres Wien bereits fest im Griff, muss situationsbedingt aber noch warten. In einer weitgehend schneefreien Stadt ist der triste Anblick der Bretterbuden, die man auch  Punschhütten oder überhaupt gleich Christkindlmärkte nennt,  nichts weniger als erschütternd. Insbesondere bei Tageslicht und milden Temperaturen macht schreiender Weihnachtskitsch im November den November noch verzweifelter. 

Eine Konstante ist Jahr für Jahr um diese Zeit die Heiterkeit angesichts des Zustandes des Christbaumes vor dem Rathausplatz. Sie ist auch heuer nicht ausgeblieben. In den Archiven des Redaktionskomitees findet sich keine einzige Lobpreisung, ja, nicht einmal ein Ausdruck des Mitleides mit den einzig zur Freude der Wiener aus den Bundesländern angereisten Koniferen, deren  erster Eindruck stets als „erbärmlich“ wahrgenommen wird. Einzig der tapfere Wiener Forstdirektor rückt Jahr für Jahr zur Verteidigung des Nadelgehölzes aus und versichert, dass es sich dabei um den garantiert schönsten Baum der jeweiligen Region handelt.    
Wir plädieren an dieser Stelle für Mitgefühl.    
In Island ruft die Forstverwaltung in Corona-Zeiten dazu auf, Bäume zu umarmen,  um dem  Bedürfnis nach Nähe nachzukommen. Bedenken Sie: Auch die Mühlviertler Fichte, die nun den Rathausplatz ziert, hat, zumindest gedanklich, eine Umarmung verdient. 

barbara.mader@kurier.at

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