Kolumnen
07/07/2020

Rabinowich geht essen: Lust und Lusthaus

Und während wir gingen, spürte ich, wie die Schwere ein Stück weit von mir abfiel.

von Julya Rabinowich

Der Tag war sonnig, die Luft stand ein wenig, es war schwül. Der Tag begann, wie ich ihn geplant hatte, Treffen mit Freundin und Durchgehen der administrativen Unterlagen, in genauerer Definition das Erledigen von lang nicht angegangener Büro- arbeit. Dann kam der Anruf aus der Tierklinik, und nichts war mehr wie geplant. Der Befund des Hundes: eine falsche Diagnose. Die korrekte: sehr viel schlimmer als angenommen. Das alles klingt nicht unbedingt nach einer guten Einleitung eines Genussberichtes, schon gar nicht eines Restaurant- besuches, aber ich verspreche, dass es dennoch eine solche Einleitung ist. Denn als ich samt dem Hund, der nichts von seiner Bredouille ahnte, verzweifelt in der Prater Hauptallee saß und mir die Seele aus dem Leib heulte, auf schlicht wienerisch rearte wie ein Schlosshund, kam meine Mutter rettend zur Hilfe.

„Gehen wir essen,“ sagte sie. Das kam mir im Augenblick wie eine Verhöhnung der Situation vor, ein verrückter Vorschlag, unpassend. „Gehen wir ins Lusthaus,“ sagte sie. Ich war zu erledigt, um mich dagegen zu wehren, also setzten wir uns in Bewegung, die Allee entlang, dorthin, wo die Straßen zu einem kleinen Stern zusammenlaufen, dessen Fixpunkt das obengenannte Lusthaus ist: mit weißen Säulen und der schönen, runden Terrasse, die sich um das historische Gebäude zieht, und, in einem zweiten Kreis ziehen sich die Kastanienbäume um die runde Terrasse. Innen verbirgt sich ein so eleganter heller Raum mit feinen Lüstern, den Lusthauslüstern eben, dass man am liebsten sofort darin heiraten wollen würde. Und während wir gingen, spürte ich, wie die Schwere ein Stück weit von mir abfiel, sei es durch die stete Bewegung im Grünen, sei es durch die Begleitung einer weisen Frau. Beim Betreten des Restaurants schien mir bereits die Idee, etwas zu essen, nicht mehr völlig verrückt. Ja, hier konnte man Kraft holen für alles Weitere. Die Schwüle des Tages hatte noch zugenommen (und ich während der Quarantäne ebenfalls) – aus diesem Grund versprach eine Variation der Vorspeisen eine gewisse Leichtigkeit des Seins, zumindest in meiner Vor- stellung. Die Leichtigkeit führte dennoch zu gebratenem Schafkäse im Speckmantel ordentlich gebräunt und auf einem Lager würziger Linsen gebettet. Die Vorboten des Sommers, fuchsfarbige Eierschwammerln, die gleich Lust auf einen Pilzjäger-Urlaub in Kärnten machten: auf Salatblatt und leider auch ein bisschen Sandbank, zumindest dem Knirschen auf den Zähnen nach zu urteilen. Und Ziegenkäse mit einer gierig geöffneten rosa Feige in der Umarmung von dezentem Rucola. Der Hund erhielt ein Medikament in Butter gewälzt, seine unter den Tisch gelegten Leckerlis fielen Ameisen zum Opfer. Wir saßen im Lusthaus, sprachen über den Tod, die Sonne schien durch die goldengrün leuchtenden Kastanienblätter, die zum Dessert georderten Topfenknödel in zartknackigen Nussbröseln, mit intensivem Marillenröster garniert, fegten die Gedanken an den Tod hinfort. Eros besiegte Thanatos vorübergehend für immer.

Lusthaus Freudenau 254, 1020 Wien
Tel. 01/728 95 65, lusthaus-wien.at
 
 

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