Kolumnen
03/17/2020

Rabinowich geht essen: Die wahren Freunde des Apfelstrudels

Das Prückel ist ein Lebensbegleiter durch sämtliche Lebensphasen geworden.

von Julya Rabinowich

Die Wiener Traditionen verpflichten. Zu Kaffee, Literatur im zugehörigen Verkostungsort, zum grantigen Kellner und zum Wiener Schmäh. Und: zum Apfelstrudel. Ja, schon wieder. Apfelstrudel kehrt in meinem und auch im literarischen Leben Österreichs einfach immer und immer wieder. Nicht nur in dieser Kolumne. Auch in mehreren meiner Romane, zuletzt in jenem, der noch nicht erschienen ist und den ich folgerichtig auch in ebenjenem obengenannten Kaffeehaus schrieb. Das ist einer der schönsten Spiegeleffekte, die zwischen Werk und Autorin geschehen können: mit der zergehenden Apfelrosinenbröselmasse auf der Zunge im Prückel über eine Frau schreiben, die gerade eine zergehende Apfelrosinenbröselmasse auf der Zunge im Prückel zergehen lässt.

Rosinen dürfen nicht fehlen. Saftige Rosinen, habe ich damals extra vermerkt im Text. Ungeachtet dessen, dass es genug Menschen gibt, die Rosinen hassen, und sich deswegen wohl nicht in meine Hauptfigur einfühlen werden können. Es gibt sogar eine Freundin von mir, die jene Rosinen schlicht als Feinde bezeichnet. Sie liest mich aber immer noch, und wiederum dieses ist tröstlich! Das Prückel bietet eine wundervolle Kulisse für das Wienerische aller Art. Und es hat gleichzeitig diese schöne, vergilbende Eleganz, die kaum ein anderes Wiener Kaffeehaus so schön zelebriert. Der Ring führt direkt am Prückel vorbei und das Museum für Angewandte Kunst ist gleich nebenan. Schräg gegenüber kann man im Stadtpark die fröhlich erworbenen Kalorien spazieren tragen. Die Art-déco-Luster machen dich zum Star, und du wirst nicht wollen, dass man dich da rausholt. Hier habe ich Doron Rabinovici kennengelernt und über meinen ersten, damals noch nicht fertigen Roman mit ihm gesprochen. Robert Schindel getroffen. Und Sabine Gruber. Und Sofi Oksanen ausgeführt. Mit Studenten der Angewandten die Gruppenarbeiten besprochen, damals, als ich noch bildende Künstlerin werden wollte und noch nicht schrieb. Meine ersten Kolumnen verfasst. Alle meine Lover getroffen. Mein Kind noch als Baby im Kinderwagen verköstigt. Das Prückel ist ein Lebensbegleiter durch sämtliche Lebensphasen geworden: mit den immer gleichen eleganten Möbeln, den diskreten kleinen Ecken, dem untypisch in Dreiecksform servierten Prückel-Apfelstrudel, und dem Prückel Creme: einem kleinen intensiven Kaffee mit Obers verfeinert. Der mir in dieser Zusammensetzung und Dichte nur hier schmeckt und in keinem anderen Kaffeehaus sonst. Hier kennen mich auch die Kellner mittlerweile, was aber nur manchmal zu Gnadenakten führt.

Die gestrengen Kellner im Prückel lehren nämlich jeder Domina das Fürchten – und lassen vermutlich Devote aller Art viel Geld für ihre Gelüste ersparen. Zuckerbrot und Peitsche bekommen hier eine ganz neue Bedeutung.

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