Kolumnen
09.09.2018

Paaradox: Willkommen im Nachtklub

Dunkle Stunden. Wenn zwei „Gute Nacht“ sagen, hat das nicht immer das Gleiche zu bedeuten.

SIE

Es ist so heiß, sagt er. Es ist so windig, sagt er. Es tut ihm der Kopf weh, sagt er. Das Gemüse ist so grauslich, sagt er. Ich will Schokolade, sagt er. Keine da, sagt er. Ich bin müde, sagt er.  Ich muss schlafen, sagt er. Ja. Ja. Es wird nie fad mit dem Mann nebenan. Immer ist was. Zuletzt fokussierte sich dieses „Ist was“ auf eine Befindlichkeit, die ich Frühherbstmüdigkeit oder Spätsommertief nenne. Eine Hufnagl’sche Ermattung, die er gerne ins Treffen führt, wenn ich ihn um Teilhabe bitte – zum Beispiel an Entscheidungsprozessen, die ihn offenbar anöden. Denn von Banal-Projekten wie „Anschaffung neuer Bettwäsche“ oder  „Umarrangieren der Blumentöpfe auf der Terrasse“ will er nicht tangiert werden. Stattdessen „Je suis fatigué“ –  gähn, Dunkerlzeit.

Männliche Erschöpfung

Daher ging er dieser Tage auch ungewöhnlich früh zu Bett, nachdem er x-fach ein demonstratives Pfffuuuh, ich bin abnormal erschöpft geächzt hatte. Als ich gegen 22:05, zwei Minuten nach ihm, das Schlafzimmer betrat, lag da ein bis zu den Ohren eingemummelter Männerschädel, der pfeifende Geräusche von sich gab. Er schlief tief und fest. Nachts wachte ich auf. An meiner Seite keine Pfeif & Schnarch-Mumie, sondern gähnende Leere. „Ist er halt Lulu“, dachte ich. Weitere fünf Minuten noch immer nix. In solchen Momenten wird man als gute Ehefrau unruhig, sorgt sich und – steht auf. Ich schlapfte also ins Wohnzimmer, in dem Licht flackerte und „Plopp“-Geräusche zu vernehmen waren. Dazu hörte ich Ausrufe wie Bist du deppert, geil! und Yesss. Na schau: Müder Bär war um drei Uhr aufgestanden, um ein säähhr wichtiges Tennismatch  zu sehen und hat rechtzeitig drauf g’schaut, dafür fit zu sein. Was man in solchen Momenten  tut? Sehr, sehr deppert schauen – und dann: weiterschlafen.

gabriele.kuhn@kurier.at

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ER

Immer dann, wenn ich meine Frau aus sicherer Entfernung dabei beobachte, wie sie mit Kräutern spricht, lächle ich milde. Und zwar deshalb, weil ich sie nach sehr vielen gemeinsamen Jahren eben gut kenne und weiß, dass sie mitunter ein Verhalten an den Tag legt, das sie selbst für völlig normal erachtet, während ich stets einen zarten Anflug geistiger Umnachtung orte. Sie murmelt dann gut hörbar so etwas wie: „Uiuiui, sooo schön bist du geworden, da freue ich mich aber, braaaver, liiieeeber Koriander.“ Und ich denke mir: „ Jo mei, so ein Dialog mit der Natur schadet ja niemandem, die Liebste ist, wie sie ist.“

Fassungslos

Interessanterweise ist das umgekehrt nicht so. Daher begab es sich, dass gnä Kuhn eines Nachts plötzlich ahnfrauartig im Wohnzimmer erschien und sich vor mir aufbaute. Die Haare standen ihr zu Berge (was ziemlich lustig aussah), und sie sah mich aus verschlafenen Sehschlitzen an, als würde ich nackt auf dem Boden sitzen, um still und heimlich den IKEA-Kerzenständer Ypperlig zusammenzubauen. Dabei war die Ursache für ihre  Fassungslosigkeit („Bitte! Was! Machst! Du! Da!?!?“) sagenhaft simpel. Ich wollte lediglich das New Yorker Viertelfinalduell zwischen Dominic Thiem und Rafael Nadal sehen, weil ich mir als leidenschaftlicher Tennisspieler ein tolles Match erwartete. Dafür opfert man gerne ein bisserl Schlaf. Der letzte Ball dieser Superpartie wurde übrigens um 8 Uhr in der Früh gespielt. Da war auch schon meine Frau längst munter. Sie bekam das Tie-Break-Drama aber nicht mit, weil sie Zitronenverbene für den Morgentee zupfte. Und da gab es sicher einiges zu besprechen.

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 3. 10. Vöcklabruck, 4. 10. Salzburg, 6. 10. Tulln, 10. 10. Wr. Neustadt

michael.hufnagl

Twitter: @MHufnagl