Paaradox: Wieder da!
SIE
Sie ist wieder da. Und sie ist sehr, sehr weich. Sie ist sehr, sehr anschmiegsam. Sie wärmt ihn an schlechten Tagen. Und duftet nach ihm, weil der Mann nebenan ihr immer nahe sein will, nein: muss. Um ehrlich zu sein, hatte ich sie beinahe vergessen, oder sagen wir besser: verdrängt. Ich dachte tatsächlich, es wäre für immer aus und vorbei.
Tu sie weg!
Vergangenen April, als die Winterdepression übergangslos in die Frühjahrsmüdigkeit überging, schöpfte ich Hoffnung. „Tu sie weg“, bat ich ihn. Sie verschwand tatsächlich. Ich war glücklich, und nicht nachtragend – es gab nichts mehr zum Nachtragen. Zuvor hatte ich sie monatelang geduldet, und ihn oftmals gebeten, sie wegzutun, aus den Augen, aus dem Sinn. Wir stritten häufig wegen ihr. Was regst du dich auf?, fragte er und ergänzte kalt: Ich brauche sie, finde dich damit ab. Heimlich überlegte ich, sie zu beseitigen. Wut, kalte Wut. Und Fantasien: Ich sah sie im Geiste in einem dunklen, großen Müllsack landen. Ich zerschnitt sie in meinen Gedanken. Verbrannte sie. Und jetzt? Jetzt ist sie wieder da. Die Winterjacke. Seine Winterjacke. Wie ein Mahnmal des Grauens hängt sie an einem Sessel beim Esstisch. Und täglich frage ich mich, warum wir einen Kasten haben, in dem Kleiderhaken baumeln, die sich sehr danach sehnen, dass an ihnen was hängt. Aber nein: Der Sessel ist einfacher, praktischer, naheliegender als Ablage. Und: Der Weg zum Kasten erschöpft ihn zu sehr. Außerdem: Ich brauche sie doch dauernd.
Was für ein Argument! Ich werde wohl eines Tages als brutale Jackenmörderin in die Geschichte eingehen.
Lesetermine: 17. 11. Weinwerk, Neusiedl, 23. 11, Kottingbrunn, 29. 11. Baden, Theater am Steg.
gabriele.kuhnfacebook.com/GabrieleKuhn60
ER
Er ist wieder da. Nein, ich meine nicht den zweiten Thermophor, der sich alle Jahre erneut spätestens ab der Herbstmitte als Wärmeergänzungsmittel in unserem Bett breit macht. Nein, ich meine nicht den supermegamäßig achtlagig verstärkten Flanellpyjama, der einem staunenden Beobachter stets das Gefühl gibt, das gemeinsame Schlafzimmer sei das dritte Basislager des Kangchendzönga, von wo aus wir am nächsten Morgen über die Nordflanke zum Gipfel in 8.586 Meter Höhe aufbrechen. Nein, ich meine nicht den täglichen sorgenvollen Aufruf, ob es denn nicht allerhöchste Zeit sei, den Holzvorrat auf jenes Stapel-Niveau zu bringen, dass wir den Ofen im garantiert kommenden längsten und kältesten Winter aller Zeiten mit Sicherheit dauerhaft heizen können.
Selbstverständnis
Nein, ich meine nicht den kulinarischen Irrsinn, dass es ab November nicht nur für gnä Kuhn, sondern gleich für die ganze Familie, ohne jede Widerrede das Beste zu sein hat, Suppen zu essen, idealerweise schon zum Frühstück. Nein, ich meine nicht den Handtücherwärmerwahn oder den Thermenkontrollritus, nicht den Kerzenkaufzwang oder den „Supi“gemütlichkeitsanspruch, nicht den Stiefelaufrüstungsaktionismus oder den Taschentuch-und-Tee-und-Maronivorratsfuror. Nein, ich meine einzig und allein den vorwurfsvollen Blick der Liebsten ... und zwar auf meine Winterjacke, die ich gelegentlich zwischenstationär auf einer Sessellehne deponiere. Ein Blick, dem das Selbstverständnis einer Frau innewohnt, die allen Ernstes überzeugt ist, nur ihr Ehemann hätte sonderbare Angewohnheiten.
Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 9. 11. Linz, 20. 11. Wien, 24. 11. Klosterneuburg, 27. 11. Rothneusiedl, 28. 11. Mödling.
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