© KuhnHufnaglPaaradox

Kolumnen
11/08/2020

Paaradox: Sein und Schein

Die Dämmerung besucht uns Tag für Tag früher, die Lichtspiele werden Jahr für Jahr mehr zum ehelichen Kino.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Sie

Zugegeben, ich war heuer früh dran mit den Kerzen. In Anlehnung an den alten Bauspar-Slogan … macht glücklich, wenn man rechtzeitig d’rauf schaut, dass man’s hat, wenn man’s braucht war ich bereits im Spätsommer umtriebig, um für den Frühwinter gerüstet zu sein. Ich habe gekauft, bestellt, besorgt. Das möglichst unauffällig. Man kennt schließlich des Mannes nebenan kritische Haltung zu den Wachs-Werken.

Wozu, warum, wohin?

Mittlerweile ist da ein Weidenkorb mit großen und kleinen Kerzen in allen Farben, Formen und Größen, den ich bisher dezent im Keller versteckt hielt. Alles zu seiner Zeit. Seit Kurzem ist er bzw. es heraußen: Da steht er nun, mein Hort der Erleuchtung, prall gefüllt. „Was ist das, bitte?“, fragte der Herr der Finsternis dann auch zuverlässig und starrte auf die Sammlung als hätte ich gerade eine Trumm mit toten, übel riechenden Tieren oder zerstochenen Fußbällen ins Wohnzimmer gezerrt. Sogleich folgten weitere Fragen: „Wozu, warum, wohin?“ Ich bemühte Konfuzius: Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen. Worauf er meinte, hier würde nie jemand die Dunkelheit verfluchen, weil wir Beleuchtungskörper hätten, mit denen wir eine mittelgroße Mehrzweckhalle ausstatten könnten. Zugegeben, ich habe ein Faible für allerlei Leuchten, abseits meiner Vorliebe für saisonal abgestimmte Tischsets, Polsterüberzüge oder Bettwäsche. Warum? Weil ich es gemütlich finde und mich sein Wohnkonzept Schlichtes Sofa – funktioneller Arbeitssessel – irgendeine Lampe – ein Tisch – unbequeme Sesseln – und ja kein Schnickschnack anödet. Dass er dann dieser Tage mit einem neuen Kerzenleuchter ankam, war umso erstaunlicher. „Statt Blumen“, sprach er und: „Weil du immer so herrlich kochst“. Da saßen wir. Er stocherte im Gemüsecurry herum, lächelte und sah ein bisserl so aus, als befände er sich knapp vor der Erleuchtung.

gabriele.kuhn / facebook.com/GabrieleKuhn60

Er

Mittlerweile bin ich als Ehemann tatsächlich so weit, dass ich immer, wenn ich irgendwo das Wort „Wachstum“ lese, im doppelten Sinn an meine Frau und ihren Kerzen-Kult denke. Denn kaum pirscht sich – einerlei, zu welcher Jahreszeit – die dämonische Dämmerung an, kann ich dabei zusehen, wie sich gnä Kuhn in einer Gedankenwelt verliert, zu der ich keinen Zutritt habe. Denn ab diesem Augenblick muss sie entscheiden: Welche Kerzen hole ich, wie viele sollten es sein, und wo positioniere ich sie? Ich bin dann ziemlich froh, dass ich solche Fragen, die bei ihr auf einer Stufe mit Woher komme ich? und Wohin gehe ich? stehen, niemals beantworten muss. Stattdessen schweige ich, weil mich ihre Hingabe zum Motto Entzücken durch Entzünden nicht stört, sondern bestenfalls wundert. Das weiß die Liebste natürlich genau, weshalb sie mich auch verlässlich fragt: „Was meinst? Für den Couchtisch, die rote oder die gelbe?“ In Kenntnis dessen, dass mir das etwa so wichtig ist wie die Wahl zwischen tiefen oder flachen Tellern für Spaghetti.

Arrangements

Die Umstellung auf Winterzeit ist für meine Kerzenkönigin jedenfalls ein traditioneller Weckruf. Je kürzer die Tage, desto länger die Nachdenkprozesse über jene Arrangements, die für sie den unverzichtbaren Ausdruck von Gemütlichkeit darstellen. Bei uns daheim brennt’s also jetzt an allen Ecken und Enden. Kein Tisch, keine Kommode, kein Regal ist vor dem Flacker-Furor sicher. Sogar die halb verfaulten Halloween-Kürbisse im Garten werden unverdrossen mit Kerzlein versorgt. Daher habe ich sie kürzlich mit dem alten Witz konfrontiert: „Sagt die eine Kerze zur anderen, wollen wir heute Abend zusammen ausgehen?“. Den fand sie aber lustigerweise nicht lustig. Macht nix, ich freue mich einfach mit ihr. Und warte sehnsüchtig auf meine Geburtstagstorte im Dezember. Wenn ich alle 40 Kerzen (oder so) ungestraft ausblasen darf.

michael.hufnagl / facebook.com/michael.hufnagl9

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