Kolumnen
27.05.2018

Paaradox: Pullover und Tulpen

Es war einmal. Über den Wert alter Stücke und die Notwendigkeit der Verdammung.

SIE

„Gute Erinnerungen tragen unser Leben“, heißt es in einem Sprichwort. Beim Mann nebenan ist’s umgekehrt: Er ist es, der die Erinnerung trägt.  Und zwar in Form  von in die Jahre gekommener Kleidungsstücke. Ich bin keine Fashionista, gebe aber zu, dass es mich reißt, wenn er super gelaunt in einen Sweater schlüpft, der gefühlte 100 Jahre vor mir  da war und sagt: Schaut super aus, gell?

Don-Juan & Peter Pan

Längst habe ich es aufgegeben, ihm  klarzumachen, was ich beim Anblick so einer Textilie fühle: irgendwas zwischen Wäh und Wundern. Stellen Sie sich den Hufnagl in einem zu langen,  großen Fleecepulli im 1980er-Snowboarder-Stil vor, auf dem  vorne eine Comicfigur pickt. Vermutlich aufgebügelt  by Mami, um ein Loch zu stopfen. Weil der frühpubertierende Hufi in dem Pulli nicht nur  erste Skikursschmusereien absolviert, sondern auch seine ersten Tschicks geraucht hat. Und genau diese Erinnerungen sind der Grund, warum er ihn nicht entsorgt. Er würde damit, gewissermaßen, seine Jugend in die Altkleidersammlung schmeißen, und damit diese letzte  Idee von Bub-Sein, dieses Don-Juan-Peter-Pan-Gefühl im Hufnagl verlieren. Für immer. Ich nenne das ausgeleierte Ding  daher „Patchwork-Pulli“ – schließlich habe ich das Trumm mitgeheiratet und muss damit zurechtkommen wie mit einem Kind aus der Ära vor mir. Ein „Ausmustern“ dieses Stoff gewordenen Andenkens  ist nicht nur unmöglich, sondern würde mit umgehenden Racheaktionen geahndet. Er zeigt dann gereizt auf meine  reiche Klumpertsammlung aus der präpaaradoxen Ära (Bildchen, Briefchen, Trockenblumen Verflossener), die ihn  stets daran erinnert, dass es ein  Leben vor ihm gegeben hat. Das hält er nicht nur für gänzlich unmöglich – das mag er auch überhaupt nicht.

gabriele.kuhn@kurier.at

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ER

Ich gestehe, dass alles seine Grenzen hat. Seit ich einst in Shirt, Jogginghose und Flip-Flops „nur kurz“ wegen einer Butter zum Supermarkt geflitzt bin, um dort prompt jene Wow-Frau zu erspähen, für die ich mich minutenlang hinter dem Cerealien&Müsli-Regal verstecken musste, weiß ich: niemals in unwürdigen Outfits das Haus verlassen. Aber daheim gelten ganz andere Gesetze. Da hat Bequemlichkeit oberste Priorität. Was im übrigen niemand so besonders wertschätzt wie meine Frau, die am Samstag Abend auf meine Frage, ob wir denn nicht zum Italiener unseres Vertrauens spazieren könnten, schon einmal gerne antwortet: „Nein, siehst eh, ich bin noch im Pyjama und mag mich irgendwie nicht umziehen.“

Entsorgungswut

Besagter Pullover ist tatsächlich schon ein bisserl älter und besitzt  außer dem vertrauten Tragekomfort vor allem eine Geschichte, die ich nicht missen möchte. Gleichzeitig gehört seit gnä Kuhns unvergessenem Gesichtsausdruck auf die Frage „Sag’, wo sind eigentlich meine ganzen Pokale?“ eine Gewissheit zu meiner Lebensstrategie: Nur ständige Präsenz rettet prähistorische Hufidevotionalien vor ihrer heimlichen Entsorgungswut. Die sie interessanterweise bei den eigenen Ablaufwerken nicht entwickelt. Am liebsten habe ich diesbezüglich unseren Cremen-Salben-Lotions-Schrank, mit dessen Inhalt wir die Menschen unseres Heimatbezirks bis ins Jahr 2027 zuschmieren könnten. Aber wehe, ich sage: „Du, Schatzi, das Body-Öl mit dem Bild der jungen Nana Mouskouri drauf, verwendest du das noch?“ Da setzt es ein Augenrollen de luxe. Aber dafür ist dann eine Zeit lang Ruhe.

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 29. 5. Baden (Theater am Steg), 8. 6. Guntramsdorf, 14. 6. Wien (Studio Akzent)

michael.hufnagl@kurier.at

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