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Kolumnen
10/10/2021

Paaradox: Männliche Melancholie

Mit dem Herbst kommt auch sein Regengesicht. Er liebt die Sonne und hasst den Nebel. Nur sie sieht alles anders – und freut sich auf Teelicht und Rotwein.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

Sie:

Altostratuswolken im Gesicht des Mannes nebenan, dazu dieser nebelverhangene Blick: Der Herbst ist da. Mir tut das eh irgendwie leid, aber ich muss an dieser Stelle an meine Mama denken, die immer sagte: Jammern hilft nix. Was im Falle der Jahreszeiten durchaus zutrifft. Nur Herzkönig mag das nicht so hinnehmen und glaubt, er hätte auf den Jahreslauf Einfluss, in dem er mir täglich den Sommerblues geigt und halbnackt gegen den Herbst demonstriert. Dann wird er ein bisserl seltsam. Etwa, indem er im Herbstregen justament in Flipflops und Short mit dem Hund geht, um dem heiligen Petrus zu zeigen, wer der Herr im Wetterhäuschen ist.

Schau, da war’s noch schön

Ich lass mir den Herbst nicht bieten, sagt er, und schenkt sich ein kaltes Bier ein, um draußen zu grillen, während fallende Blätter auf Würsteln landen und der Griller im Nebel seines Grauens glüht. Als Beilage schickt er mir Handyfotos, mit melancholischen Texten: Schau, da war’s noch schön. Schau, da war ich noch im Meer. Schau, der Sonnenuntergang! So als ob mit dem Sommer das Meer und die Sonne für immer verschwinden würden. Die sind ja eh noch da, beruhige ich und ermuntere ihn: Schau dich um, sieh es positiv. Diese Farbenpracht, diese vielen schönen Teelichter, die herrlichen Stricksocken an meinen Füßen. Und dieses wunderbare Überangebot an Kürbissuppenvielfalt! Aber alles, was ich ernte, ist ein Lamento über die Vergänglichkeit von eh allem. Selbst im leisen Sterben der Dickmaulrüsselkäfer in unserem Garten sieht er eine Metapher für die Flüchtigkeit des Seins. Einzig der Hinweis darauf, dass jetzt wieder die alljährliche Rotweinphase beginnt, sorgt für ein lahmes Lächeln in seinem Gesicht. Dann holt er zwei Gläser, öffnet ein gutes Flascherl und setzt sich bei zehn Grad in den Garten. Weil’s, so meint er, nie zu spät ist, einen glücklichen Sommer zu haben.

Unser Podcast „Schatzi, geht’s noch?“ auf kurier.at und allen Podcast-Apps; Auftritte: Heute, Sonntag, 20 h, Rabenhof ; 20. 11., Klosterneuburg

Er:

Vielleicht stört  mich die herbstliche Frische deshalb so sehr, weil ich mich selbst im Herbst des Lebens befinde, allerdings nimmer so frisch bin wie einst. Solche philosophischen Gedanken über das Älterwerden vermittle ich meiner Frau derzeit, während ich mit Anorak und Mütze ächzend Laub zusammenreche. Und ernte prompt Weisheiten wie: Die wahre Sonne scheint nur in dir selbst. Suche und finde sie. Und nach einer Pause: Aber bevor du damit anfängst, könntest du bitte noch den Sonnenschirm in den Keller tragen. Mehr Mitgefühl geht sich im Zuge der Vorbereitungsarbeiten auf ein halbes Jahr Kälte und Dunkelheit nicht aus. Aber sie hat’s ja auch leicht. Sie trägt auch im Hochsommer im Bett Socken, weshalb sie den Unterschied der Jahreszeiten gar nicht so sehr wahrnimmt.

Unpassendes Frohlocken

Und so spricht sie: Weine nicht über das, was war, sondern freue dich auf das, was kommt. Man kann alles positiv sehen. Aber einmal abgesehen davon, dass ich den Winter endlich dazu nützen könnte, ihre Lebensratgeber-Bücher zu verstecken, löst derlei unpassendes Frohlocken bei mir völliges Unverständnis aus. Wie kann man nur in Anbetracht des Umstands, dass dieses wunderbare sommerliche Lebensgefühl jetzt vom Nebel verschluckt und vom Nieselregen fortgespült wird, nicht in Melancholie verfallen? Um diesen Schmerz zu lindern, müsste man ja voller Hingabe den Kerzenvorrat aufstocken. Man  müsste sich schon am Nachmittag mit einer großen Tasse Tee an den Ofen kuscheln. Man müsste sich fragen: Habe ich eh noch Zimt daheim? Man müsste ernsthaft die Idee haben, die CDs mit den Weihnachtsliedern vorsorglich zu stapeln. Man müsste ... einfach nur gnä Kuhn sein. Als Hufnagl hingegen spricht man auf dem Weg in den Keller mit dem Sonnenschirm: „Adieu, mein Freund. Sei nicht traurig, du wirst immer einen Platz in meinem Herzen haben!“

Solo-Programm „Abend mit einem Mannsbild“: 30. 10. Bad Fischau, letzter Auftritt 21. 11. Wien CasaNova (Matinee)

 

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