© Jeff Mangione

Kolumnen
08/15/2021

Paaradox: Kalt, warm

Zwei Menschen, zwei Schwimmbecken – ein wohl temperiertes Glück. Denn was sie als „angenehm“ empfindet, ist ihm zu heiß

Sie

Liebe. Egoismus zu zweit, heißt es in einem anonymen Spruch, den ich vor einigen Wochen las. Schon war er wieder vergessen, doch dann war dieser Moment, in dem wir in getrennten Schwimmbecken landeten. Ein kleiner Urlaub in der Südsteiermark bescherte uns das große Glück zwei verschieden temperierter Badegelegenheiten – ein Pool mit 28 Grad Wassertemperatur und ein Naturbadeteich, um drastische Nuancen kälter. Komm rein, überwinde dich, ist ein Satz, den ich im Laufe unserer gemeinsamen Jahre sehr, sehr oft vom Mann nebenan gehört habe, während er eine Wasserbombe hinlegt, um endlich den Schurli Neptun in sich zu leben.

Gelebter Egoismus

Ich aber will mich nicht überwinden. Weil ich keinen Sinn darin sehe, mich im Urlaub zu irgendwas zu überwinden. Also planschten wir von da an getrennt – er kalt, ich warm. Gelebter Egoismus im Namen der Selbstliebe. Von drüben hörte ich erneut den Lockruf: Herrlich, du solltest es wirklich probieren! Ich rief zurück: „Nur, wenn du abends den Paradeissalat probierst! (Was er nie tun würde, weil: Wozu, wenn’s mir nicht schmeckt?). So dahinschwimmend meditierte ich über anfangs erwähnten Spruch, und fand ihn super. Mehr Egoismus, mehr Trennendes! Dabei sah ich im Geiste die beiden Buchstaben L und O seiner Klimaanlage, die das Innenleben des Autos in einer Minute so runterkühlt, dass sich auf meiner Nase Eiskristalle bilden und ich mich, gefühlt, in die grüne Hälfte vom Twinni verwandle. Wie gut, dass auch hier der „Getrennt“-Modus möglich ist und ich meine Seite zumindest ein bisschen vor seinem eiskalten Tun bewahren kann. Ohne Kälteschutz geht’s trotzdem nicht. In diesem Sinne wäre auch die Idee unterschiedlich klimatisierter (getrennter) Hotelzimmer keine üble. Zugegeben – nicht sehr romantisch, aber allemal besser als eine Liebe auf Eis.


Twitter: @GabrieleKuhn

facebook.com/GabrieleKuhn60

Er

Ich schwimme nicht  gerne. Ich hatte nie ein Faible für sportliche Monotonie. Daher bewundere ich Menschen, denen es nicht zu fad wird, in einem Pool stundenlang Längen zu kraulen. In meinem sommerlichen Leben haben Meer, See und Becken den Sinn, mich abzukühlen. Ein bisserl hupfen, ein paar Züge, mich treiben lassen, auf den Himmel schauen, mit dem Gefühl: So soll es sein! Und wenn es eine fordernde Wasserball-Partie gibt, bin ich  schneller im Spiel&Spaß-Modus, als meine Frau Lust auf einen Strandspaziergang? sagen kann. In ihrem Leben spielt das Credo „Erfrischung durch Planschen“ keine Rolle. Weshalb jede Wassertemperatur unter 25 Grad bei gnä Kuhn einen Gesichtsausdruck produziert, als müsste sie vor Ort ein Grönlandwal-Baby vor dem Ertrinken retten. So oder so wollte sie mich natürlich motivieren, doch für ein paar Minuten zu ihr in jenen Pool zu gleiten, der  für Menschen mit folgendem Lebensmotto geschaffen wurde: Thermophorsicht ist besser als Nachsicht.

Strömungen

Der Liebe wegen tat ich es, wusste aber sofort, warum ich  im Jahr 1987 das letzte Mal in einer Badewanne Platz nahm. Und es geschah, was oft geschieht: Meine Von-mir-aus-Mimik erzeugte ihre Bitte-nicht-wegen-mir-Mimik. Meine Eh-alles-gut-Gestik erzeugte ihre Nix-ist-gut-Gestik. Meine Worte („Lass’ uns doch lieber bei einem Glas Wein gemeinsam romantisch sein“) erzeugten ihre Worte (Was du immer für ein Theater machst!). Das Kalt-Warm-Thema hatte uns wieder einmal in seiner ganzen Dimension erwischt. Dabei  erinnerte ich mich, wie die Liebste einst im griechischen Juli nur für ein paar Minuten in die 60-Grad-Sauna ging, weil sie vom ägäischen Eismeer (Da sind immer so komische Strömungen) kalte Füße bekommen hatte. Den entspannten Drink haben wir damals trotzdem genommen. Dass sie mich gefragt hat, ob es den Mojito hier allenfalls auch ohne Eis gäbe, entpuppte sich jedoch als Scherz. Gut so. Eine hitzige Debatte weniger.

Twitter: @MHufnagl

www.michael-hufnagl.com

 
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