Kolumnen
18.08.2018

Paaradox: Die Qual mit dem Pokal

Kampf um den Sieg. Eine Trophäe als Interieur ist vor allem eines: Provokation!

SIE

Du, ich hab was g’wonnen. An der Art, wie der Mann nebenan mich dabei ansah, war klar: Es wird wie immer von völliger Bedeutungslosigkeit sein. Nur der Ordnung halber reagierte ich darauf mit einer Gegenfrage: „Was genau haben der Herr denn gewonnen? Den höheren Butterpreis? Preiselbeeren? Eine Nacht mit der Lottofee? Oder die Erkenntnis? Ich hoffte auf Letzteres, wurde aber enttäuscht. Schlimmer noch: Sein „Gewinn“ hätte mich fast dazu
veranlasst, mich im Singlewohnungssegment  umzusehen.

Trophäe, hässlich

Denn nun nestelte er umständlich in ein Sack herum, um daraus die vermutlich hässlichste Trophäe der Welt hervorzukramen.  Eine Installation, die nur für Leute auf LSD als Golfspieler zu erkennen ist. Ich hingegen fragte, ob es sich dabei um eine Mistgabel handelt oder um etwas, mit dem man nachts andere Menschen erschrecken könne. Er meinte, dass ich wahnsinnig ignorant sei und diese, bei genauer Betrachtung, tolle Trophäe, von einem Nachwuchskünstler aus Schleswig-Holstein gemacht wurde, der bei einem Pokalgestaltungs-Wettbewerb den vierten Platz gemacht hat. Er schloss mit einem entschiedenen Ich möchte die zwei Wochen im Wohnzimmer aufstellen, damit ich sie sehen kann. Ja, man könnte nun vermuten, er hätte ein sehr wichtiges Turnier gewonnen, das ihm womöglich ein kleines Preisgeld eingebracht hat,  von dem er sich zumindest zwei Paar Golfsocken  kaufen kann. Nix da – er gestand, dass es sich dabei um einen superlustigen Jux vom superlustigen Schorschi handelt, der genau weiß, wie sehr ich Pokale verabscheue. Nun war klar, wem die Mistgabel  wirklich galt: mir.  Und nur mir.  
 Notiz an mich: Telefonnummer vom Nachwuchskünstler checken, der lustige Schorschi hat demnächst Geburtstag.

gabriele.kuhn@kurier.at

Facebook: facebook.com/GabrieleKuhn60

ER

Ich weiß nicht, wie oft ich die Geschichte erzählt habe, aber ich weiß, dass sie immer für amüsierte Bestürzung gesorgt hat. Denn die einstige Idee der Liebsten, alle im Keller verstauten Pokale, die ich im Laufe meines triumphalen Lebens erobert habe, heimlich zu entsorgen, fiel durchaus in die Kategorie „Sonst geht’s dir eh gut, oder?“ Ich habe zwar erst Jahre später erkannt, dass beispielsweise die Tennis-Trophäe für den dritten Platz beim Seekrötencup 1993 im Sondermüllcontainer der MA 48 in Hernals gelandet ist, aber wurscht. Wiewohl ich echt größtes Verständnis für gnä Kuhns Allergie gegen hässliche Staubfänger habe (unsere 43 Teelichterbehälter sind davon selbstverständlich ausgenommen), war für mich immer klar:
Die Pokalrache muss und wird kommen.

Das Ungetüm

Und genau dieses Bewusstsein wird noch um eine reizvolle Facette erweitert: ihren Blick. Also jenen ganz besonderen Gesichtsausdruck, der einige Sekunden lang nicht weiß, ob er sich für Entgeisterung und Anklage oder für Ungläubigkeit und Verzweiflungslachen entscheiden soll – ein Fest für den gut geübten Provokateur. Und so stand ich tatsächlich mitten im Raum, stemmte Schorschis als Pokal getarntes Ungetüm in die Höhe, täuschte den ehrlichen Stolz eines Siegertypen vor und genoss ihr fassungsloses Schweigen. Es dauerte (ausnahmsweise) einige Sekunden, ehe sie die Worte fand: „Na bravo, was hast’n g’wonnen, du Waldundwiesenwuzzi?“ Ich ignorierte die öde Polemik und schlug das Schlafzimmer als Trophäenstandort vor, eh nur für eine gemeinsame Nacht. Und wieder dieser Blick! Ehrlich ... zum Verlieben.

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 3. 10. Vöcklabruck, 4. 10. Salzburg, 6. 10. Tulln, 10. 10. Wr. Neustadt

michael.hufnagl

Twitter: @MHufnagl