Kolumnen
26.08.2018

Paaradox: "Der Sandmann"

Meerwert. Der gemeinsame Urlaub wird alle Jahre wieder zum Härtetest für die Strandliebe.

SIE

Urlaub ist …, wenn der Mann Fragen stellt, sehr viele Fragen. Etwa, warum da immer so viel Sand ist. Und wie man den bitte schnell wieder wegmachen kann. Weil der Sand sehr, sehr juckt. Und dieser von  großem Wäh-Faktor ist, fast so wie die Paradeissauce von der Betti-Tant’ aus dem Jahre wasweißich, in der so ganz grausliche Paradeisbröckerln geschwommen sind, die er als Vierjähriger immer ratzeputz hat aufessen müssen.  Trauma-Alarm, sehr e-kel-haft. Noch dazu in Kombination mit Sonnencreme, deren Adhäsionskräfte leider so wirken, dass ein für ihn unerträglicher Sand-Creme-Gatsch entsteht. Eine Zumutung.

Urlaub? Anstrengend.

Also pendelt er zwischen Liege und Dusche und Dusche und Liege, sodass er abends  völlig erschöpft  darnieder sinkt und ächzt: Eigentlich ist   ein Badeurlaub fürchterlich anstrengend.  Logisch, wo er weiters zwei Mal täglich sämtliche Badeaccessoires – das Tascherl, das Hoserl, die Schlapferln, das Kapperl und ein Bürsterl, das eh niemand verwendet –  von Sandspuren  befreien muss. Eine zornige Akribie, die dazu führt, dass sich die Terrasse unter uns  zügig in eine Art Wüste Gobi verwandelt, was die Leute dort aber gar nicht merken, weil sie das Hotelzimmer offenbar nie verlassen, sondern dauernd sehr laut fernsehen. Aber egal. Das mit dem Sanddilemma  ist  insofern interessant, als wir ja  gemeinsam beschlossen haben, einen Sandstrandurlaub zu buchen und keinen, auf dem Häuptling „Zarte Sohle“  Gestein bemühen muss, um ein Bad im Meer zu nehmen. Ich bin mir aber sicher: Alles wird gut. Seit Tagen googelt er nämlich Sachen wie Entspannt trotz Sand oder 5 Atemübungen für den lustigen Neurotiker sowie 10 Wege aus der Sandgrube. Blöd nur, dass der Laptop jetzt auch schon ein bisserl knirscht.

gabriele.kuhn@kurier.at

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ER

Ich gebe es zu, dass ich als Jungvater keinen Satz mehr gefürchtet habe als den freudestrahlend vorgetragenen Tochter-Wunsch: „Papa, Papa, bitte, bitte,  bauen wir eine Sandburg, aber eine suuupergroße!“ Der sorgte nämlich mit maximaler Verlässlichkeit dafür, dass gnä Mutti von sämtlichen Dialogpflichten befreit in Ruhe ihren 1000-Seiten-Roman lesen konnte und das gute Kind nach etwa elf Minuten als visionäre Architektin die Lust auf die Erschaffung des achten Weltwunders verlor. Das geliebte Mäderl zog es dann vor, einen eher sonderbaren Wasserküberl-Aktionismus zu pflegen, freilich nicht, ohne den Baumeister aus den Augen zu verlieren und gelegentlich Einwände zu formulieren („Das soll eine Zugbrücke sein?“).

Stein-Sehnsucht

Für mich galt: Mehr Liebe geht nicht. Denn ich verachte alles Pickende und Klebende, Knarzende und Knirschende. Vom Zeh bis zum Scheitel  eingeschmiert stundenlang sandige Gemächer für mein Burgfräulein zu formen, war daher ein Akt historischer Selbstlosigkeit. Weshalb ich Jahr für Jahr aufs Neue sehnsüchtig für Steinküsten-Urlaube plädiere, mich aber gegen das Argument „Schau’ den schönen Sandstrand, sooo romantisch ...“ nicht durchsetzen kann. Und so gehört der harte Kampf, nicht als Zappelphilipp gewordenes Schnitzel herumzuliegen,  zu meinen Sommerurlauben wie das sorgenvolle Amuse-Gueule der Liebsten zum Dinner: „Glaubst Du, wird’s kühl,  soll ich ein Jackerl mitnehmen?“ Wissend, dass sie nach Sonnenuntergang noch nie keines gebraucht hat. Heißt im Rückblick auf unsere Inselzeit: Auch das Hysterie-Universum besitzt unendliche Weiten.

Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 3. 10. Vöcklabruck, 4. 10. Salzburg, 6. 10. Tulln, 10. 10. Wr. Neustadt

michael.hufnagl

Twitter: @MHufnagl