© Jeff Mangione

Kolumnen
04/14/2019

Paaradox: Ayurvedische Tage

Selbstfindung. Sie lebt die Veränderung, und er fühlt sich von missionarischer Lust bedrängt.

von Gabriele Kuhn, Michael Hufnagl

SIE

Immer noch  faste ich nach ayurvedischer Art. Interessant ist, dass kein Gericht, das ich mir serviere, vom Mann nebenan unkommentiert bleibt. Offenbar beobachtet er genau, was gnä Kuhn zu sich nimmt. Was  nett wäre, würde er nicht so viel Meinung dazu haben.

„Bist du dir sicher...?“ Morgens, wenn ich  warmen Polentabrei mit Beeren in mich hineinschaufle, sagt er: Das schaut aus, als könne man damit Tapeten an die Wand picken. Ich antworte nur: Möglicherweise stören die Beeren dabei. Das Mittagessen, meist mit Linsen oder Reis, jedenfalls mit viel Gemüse, garniert er mit Bemerkungen im Stile von: Das wirkt wie das, was wir unserer Tochter gegeben haben, als sie noch keinen einzigen Zahn hatte. Oder: Bist du dir sicher, dass das wirklich was ist, was Menschen essen sollen?  Sowie: Wann hört deine Essensverwirklichungsphase wieder auf? Dabei schneidet er genüsslich in ein blutiges Steak und futtert einen Berg Nudeln.

Kost einfach!

Apropos: Abends, sagt  Dr. Ayurveda, soll ich auf Kohlenhydrate verzichten. Da ist Kreativität  gefragt. In einem „No-Carb“-Kochbuch  habe ich ein schnelles Gericht gefunden, bei dem man aus Karfiol „Reisersatz“ herstellt. Hab’s probiert, war begeistert. So sehr, dass ich dem Mann nebenan ein Kostlöfferl anbot. Was ist das?, fragte er wie jemand, dem man Dschungelcamp-Maden in den Mund schieben möchte. Kost’ einfach!, meinte ich. Jetzt kostete er tatsächlich. Das Verkost-Urteil war  mindestens genauso interessant wie sein  empörter Blick: Irre!  Das schmeckt ja wie Waldboden. Von dem war ich, wie du weißt, noch nie ein großer Fan. Schneller Beschluss: Für den Rest meiner Fast-Phase esse ich ab sofort inkognito.    

PAARADOX NEU: „Schatzi, geht’s noch?“ am 1., 12. & 19. 5. im Rabenhof. 23. 5., Stadtgalerie Mödling. Alle Termine:  paaradox.at

gabriele.kuhn@kurier.at

facebook.com/GabrieleKuhn60

ER

Ganz ehrlich, ich bewundere meine Frau für ihre ayurvedische Konsequenz. Sie hat nämlich nicht nur während ihrer intensiven Zeit im Heilkunst-Reich ihr Ernährungswesen adaptiert. Nein, sie hat den speziellen Zugang zu ihrer kulinarischen Reise in ein besseres Ich bereits eine Woche davor kultiviert, und sie tut es eine Woche danach immer noch. Und ich mag es wirklich, wenn sie mir ausführlich ihr Wohlbefinden schildert und mit leuchtenden Augen die Vorzüge von Melanzani-Röllchen mit Reisfülle, Okraschoten mit Schafskäse oder Tofu-Paprika-Laibchen auf Buttermilchsauce preist. Es macht mir ohne jede Ironie Freude, wenn sie lustige Begriffe wie Grünkernpunkerl oder Sprossenpuffer in den Raum wirft und beseelte Vorträge über  Vata, Pitta und ihren Stoffwechsel hält.

Spezielle Aura

Das Problem ist nur der missionarische Eifer, den die Liebste in solchen Selbstentdeckungsphasen entwickelt, und damit meine ich nicht  ihren indisch-erhabenen Blick, sobald ich ein Sackerl Sportgummi aufreiße. Es ist dieser ganzheitlich erschaffene Schwebezustand meiner Ayurvedi-Ritterin, der mich mitunter irritiert, diese Aura von Belehrung, die sich geschickt als Güte tarnt. Ayurveda wird nicht umsonst aus dem Sanskrit mit dem „Wissen vom Leben“ übersetzt, und gnä Kuhn weiß jetzt gerade so viel, dass ich aus dem Zuhören nimmer rauskomme. Und ... aus dem Kosten. Denn es wird garantiert kein Karfiolknöderl, kein Brokkoli-Flan und kein Safranreisbällchenverspeist ohne  „Jetzt sei nicht kindisch, probier’s“.  Also probiere ich. Ihr zu Liebe. Und bin kindisch. Damit wir  am Ende doch noch  beide etwas davon haben.
 
Solo „Abend mit einem Mannsbild“: 9. 5. Wien (Kattus-Keller), 21. 5. Wien (CasaNova), 12. 6. Wien (Studio Akzent).

michael.hufnagl@kurier.at

facebook.com/michael.hufnagl.9

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