Kolumnen
09/26/2021

Johannas Fest: Riskante Themen-Essen

Darf man alle wieder ausladen, wenn just jene Person, zu deren Ehren man überhaupt eingeladen hat, ausfällt?

von Johanna Zugmann

Gute Gastgeber sind flexibel, verstehen sich auf die Kunst des Improvisierens und haben für alles einen „Plan B“; etwa dafür, dass die bestellte Küchenhilfe sechs Stunden vor Eintreffen der Gäste absagt, oder dass von letzteren vier ausfallen, weil sie ihre Babysitter im Stich gelassen haben. Wenn Gäste, die ursprünglich abgesagt haben, plötzlich doch kommen wollen, kann es eng werden. Und darf man alle wieder ausladen, wenn just jene Person, zu deren Ehren man überhaupt eingeladen hat, ausfällt?

Vor Jahren lud ich zu einem Überraschungsfest für meine Mutter. Sie war eine gebürtige Schweizerin und vermisste auch nach Jahrzehnten in Wien noch ihre Heimat. Seit 1899 zelebrieren unsere westlichen Nachbarn alljährlich am 1. August ihre Bundesfeier.

Ich lieh mir von der Schweizer Botschaft, was die nur so an Deko hergab: Lampions, rote „Fähnlis“ mit dem weißen Kreuz, eine Kuhglocke und CDs mit traditionellen wie auch avantgardistischen Alphornklängen. – Das muss man mögen!

Natürlich waren die paar waschechten Schweizer, die ich kannte, Fixstarter. Weiters lud ich Freunde, die irgendwelche Affinitäten zum Herkunftsland meiner Mutter aufwiesen, ein und brachte es so auf fünfzehn Personen.

Das Motto „rot-weiß“ zog ich bis zum Menü durch: Bündnerfleisch mit Perlzwieberln und natürlich Käsefondue standen auf dem Programm. Als Nachspeise nahm ich mir eine Crostata ai frutti di bosco vor, eine Spezialität, mit der die Tessiner das süße Leben genießen. Zur nationalgerechten Rebsaftbegleitung bestellte ich sogar einen Heida, die Perle der Alpenweine aus dem Wallis, vom mit 1.150 Metern höchsten Weinberg Europas.

Der Gast, für den ich das alles veranstaltete, fiel aber aus: Zwei Tage davor hatte die damals schon sehr betagte Mama die Einladung einer entfernten Verwandten nach Mallorca angenommen. Mit Sangria statt Heida und Paella statt Fondue wollten die beiden älteren Exil-Schweizerinnen ihren 1. August zelebrieren. – Meine Enttäuschung war groß, aber alles abzublasen, kam für mich nicht infrage. Das Fest endete in den frühen Morgenstunden – nicht zu Alphorn-, sondern zu Bandoneonklängen – mit Tangotanz.

Pilze-Essen

Neulich lud ich sechs dezidierte Schwammerl-Aficionados zu einem Pilze-Essen. Ein Risiko, wenn man ausschließlich auf die erfolgreiche Suche nach frisch entfalteten Hutträgen im Wald setzt. Den Anlass zu dieser Einladung gab meine neue Bekanntschaft mit einem Schamanen. Der etwa 50-Jährige gab an, Pilze auch fernab bekannter Plätze zu suchen und immer fündig zu werden.

Er schaue die Baumkronen eines Waldes an, dessen Boden und den Verlauf des Wassers. Ob er sich denn zutraue, am Tag der Einladung genügend „mykologischen Proviant“ für die ganze Tafelrunde zu sammeln und aus seiner reichhaltigen „Wissensschatztruhe“ zu plaudern, beantwortete er schlicht mit einem „Eh klar!“ Es klang so überzeugend, dass ich gegen meine absicherungsfreudige Natur keinen „Plan B“ fasste. Es kam zum Super-GAU: Der „Trüffelhund“ des Schamanen war einen Tag vor der Einladung entlaufen. Was tun? Alle wieder ausladen? Ich entschied mich für das Verschieben der Einladung auf den 24. Oktober. Da bietet das Festival „Klangraum im Herbst“ in Waidhofen an der Ybbs gleich einen ganzen „sporenversetzten“ Tag mit Pilze-Essen, Schwammerlkunde vom „youtube-Mykohunter 365“ (Stefan Marxer) und einem Konzert des französischen Ausnahmepianisten Pierre-Laurent Aimard. Kein „Plan B“, aber ein „Upgrading“ sozusagen, das meine sechsköpfige Gästeschar – Gott sei Dank – gerne annahm!

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