Kolumnen
01/25/2021

Johannas Fest: Einladungen mit Hausverstand

Gastrosophin Johanna Zugmann fürchtet, ihr Gastgeber-Gen zu verlieren, ihr Göttergate leidet an "Social Craving".

von Johanna Zugmann

Immanuel Kant (1724–1804) speiste niemals allein. Neuen Schwung brächten nur mittafelnde Gäste, deren ungezwungene Unterhaltung ablenke und zerstreue, so die Überzeugung des großen Philosophen. Die ideale Gästezahl für ein gemeinsames Tischthema dürfe übrigens nicht größer als die Anzahl der Musen (neun) und nicht kleiner als die der Grazien (drei) sein.

„Mir fehlen meine Freunde“, oder „ich will endlich mein normales Leben zurück“. – Diese Sätze höre ich derzeit selbst von den ausgeglichensten und geduldigsten Positivdenkern unter unseren Bekannten. Auch mein Mann, der im Kultur- management tätig ist, stimmt in diesen Tenor ein. In Normalzeiten pflegte der Göttergatte eine „Open door“-Politik, liebte nichts mehr, als gemeinsam mit Freunden und solchen, die es noch werden können, zu kochen, beisammenzusitzen und zu genießen. Während ich mich allmählich an die fortgesetzte Gesellschaftsaskese gewöhne und inzwischen fürchte, mein Gastgeber-Gen zu verlieren, leidet er an „Social Craving“ (Entzugserscheinungen).

Wenn unsere Bewegungsradien und unsere Freiräume enger werden, wir ständig aufeinanderpicken, Inspirationen von Dritten ausfallen, kann schon Reibung entstehen.

Wirklich aufreibend kann es werden, wenn die Sozialkontakt-Wünsche der unter einem Dach lebenden Personen divergieren.

Wir überlegen, wie wir für die kommenden Monate (hoffentlich nicht zu viele) vor der Impfung zu einem Konsens in Sachen „Menschen treffen“ kommen könnten und analysieren die Gepflogenheiten unserer Bekannten.

Eine Vertrauensfrage

– Strikte Distanzhalter: Unsere Freundin Edith zeigt uns regelmäßig, dass sie an uns denkt und uns zugetan ist. Immer wieder ruft sie an, um sich nach unserem Befinden zu erkundigen und manchmal schickt uns die Unternehmerin durch Boten kulinarische Grüße. Persönliche Begegnungen aber scheut die 65-Jährige wie der Teufel das Weihwasser: Als wir ihr umgekehrt ein kleines Demel-Care-Paket aus Wien vorbeibringen wollten, winkte sie uns aus zehn Metern Entfernung zu und hieß uns, das Geschenk am Garagentor zu deponieren. Edith und ihren Mann Albert auch nur auf ein Glas Glühwein in unseren Garten einzuladen, käme wohl schon einem unsittlichen Antrag nahe.

– Die Wohnzimmer-Tester: Karl und Michael, zwei ebenso begnadete wie leidenschaftliche Köche und Gastgeber, treffen zweimal pro Woche Menschen zum Abendessen, meist in ihrer Wohnung. Da auch sie auf „Nummer sicher“ setzen, haben sich die beiden mit sehr zuverlässigen Selbsttests eingedeckt. Vor jeder Zusammenkunft heißt es „Nase bohren“ für Gäste wie Gastgeber.

– Die Maßvollen: Die Einladungen von Annemarie und Andreas, einem in der Kommunikationsbranche höchst erfolgreichen Paar, sind legendär: Sowohl was die Zusammensetzung der Gäste, das Ambiente der Wohnung, als auch was die kredenzten Speisen und Getränke betrifft, alles einzigartig. Jetzt setzen die Eheleute auf eine Einladung pro Woche für jeweils nur zwei Personen mit vertrauenswürdigem – das heißt vorsichtigem – Lebenswandel.

– Welchem Beispiel wir folgen? Auch wir haben uns jetzt mit höherpreisigen Selbsttests ausgestattet und halten uns im Übrigen an ein Immanuel Kant zugeschriebenes Zitat: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

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