Johanna Sebauer im WM-Fieber: Vom Traum vom perfekten Rasen
Über den Traum vom perfekten Rasen, Löwenzahn-Frust – und die Erkenntnis, dass ein Fußballrasen ein Fulltime-Job ist.
Von Autorin Johanna Sebauer
Das Thema dieses Hefts trifft einen wunden Punkt in mir. Seit geraumer Zeit habe auch ich einen Garten zu betreuen und somit einen Rasen zu pflegen und, naja, jetzt bin ich auch so eine. So eine Penible, die mit unerträglicher Pedanterie regelmäßig die Halme auf ihre Länge kontrolliert, und sobald sie auch nur einen Millimeter zu lang sind, den Rasenmäher anschmeißt, damit die Ordnung wiederhergestellt ist. Ein frisch gemähter Rasen ist ein guter Rasen. Alles andere ist Verwahrlosung.
Bei jedem Fußballmatch beäuge ich seither ach so neidvoll das dichte Gras unter den Stoppeln der Spieler. Ein endloser, sattgrüner Teppich, so weich und dennoch so robust. Eine Armee an Hochleistungshalmen, vollgepumpt mit Düngemitteln und Unkrautvernichter, perfekt bewässert, belüftet und beheizt, von oben künstlich besonnt. Sowas im eigenen Garten, hach!
Freunde, die keinen Garten haben, begegnen mir mit Unverständnis. „Aber Johanna, warum lässt du ihn nicht einfach wachsen? Hätte ich einen Garten, würde ich mir ja eine Wildblumenwiese stehen lassen“, flöten sie verträumt. Und ich handle dann wie jene Menschen mit Kindern, die jenen ohne Kinder abgebrüht zu verstehen geben: „Wart’s nur ab.“
Auf meinem Rasen ist nämlich nix mit buntem, sanft im Wind wehenden Blütenparadies wie aus der Honigwerbung. Bei mir sprießt Löwenzahn und das war’s. Wenn ich dieses penetrante Gelb schon sehe, zuckt mir nervös das Augenlid. Wie ein Jäger liege ich auf der Lauer und warte, wo der nächste Trieb durchbricht. Warum möchte mir kein ordentlicher Fußballrasen gelingen? Dann fällt mir wieder ein, dass ein Stadionrasen ein Vollzeitjob ist, und ich ja schon einen Job habe. Diese Kolumne zum Beispiel.
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