Kolumnen

Grüße aus Gigritzpatschen

Zum Handystarren ins Kaffeehaus? Wegen der Zeitungen geht man jedenfalls immer seltener ins Café

von Barbara Beer

10/01/2021, 02:27 PM

Was gehört zu einem traditionellen Wiener Kaffeehaus? Früher waren’s mehr oder weniger grantige Kellner, überschätzter Kaffee, internationale Tageszeitungen. Nichts davon stimmt mehr. Vor allem die internationale Presse ist weitgehend perdu.

128 Betriebe mit der Behauptung, sie führten „internationale Tageszeitungen“, listet der Falstaff auf. Darunter solche, denen man das durchaus glaubt, weil sie nämlich eine lange Tradition darin haben. Das Café Central etwa. In dem ehemaligen Literaten-Café sollen um die Jahrhundertwende 250 internationale Tageszeitungen aufgelegen sein. Heute: Sechs. Französische und italienische sind nicht dabei. Das Landtmann hat ein bisschen mehr, immerhin auch Le Monde. Ähnlich im Hummel, dort gibt’s auch die N. Y. Times. So ist es in den meisten Cafés: Eine Handvoll internationaler Blätter gibt’s noch. Aber bei Weitem nicht mehr das, was einmal war.

Wir vom Redaktionskomitee der Wiener Ansichten mögen unseren Trafikanten und er mag uns auch, denn wegen uns gäb’s kein Zeitungssterben. Kiloweise bedrucktes Papier schleppen wir heim. Allein schon deshalb, weil eine gedruckte Zeitung einen Anfang und ein Ende hat. Die Besteigung des analogen Papierbergs befriedigt wie ein Gipfelsieg. Doch obwohl unser Trafikant uns mag – Tagespresse aus dem nicht deutschsprachigen Ausland lässt sich schwer organisieren. In den vergangenen Jahren mussten die Vertriebler den Import internationaler Zeitungen stark zurückfahren. Weil es sich immer weniger rentiert. Weil jetzt alle digital lesen? Wie viele Menschen in Österreich internationale Tageszeitungen digital lesen, wissen wir nicht. Aber wir halten es für ausgeschlossen, dass alle, die die Repubblica früher auf Papier gelesen haben, das nun online tun. Wir unterstellen: Sie überfliegen bestenfalls Titel. Was daran so schlimm ist? Die Horizont-Verengung. Wir reden nur mehr von uns selbst. Von Gigritzpatschen statt von Rom und Paris. Digitalisierung kann ein Tor zur Welt sein. Manchmal bedeutet sie geistige Verzwergung.

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