Für immer jung

Für immer jung
Naturgesetz: Wenn entlang eines Weges eine Mauer führt, geht Daria auf der Mauer und nicht auf dem Weg.
Birgit Braunrath

Birgit Braunrath

Das ewige Kind in mir schaut auf den Hund und murmelt zufrieden: „Siehst du, es ist möglich, sich das Kindsein ein Leben lang zu bewahren!“

Daria geht neben mir die Stufen hinter der Kirche zum Wald hinauf, jedoch nicht, so wie ich, auf dem Weg, sondern auf dem Mäuerchen, das entlang der Stufen schräg nach oben führt. Wann immer neben einem Weg eine Mauer entlangführt, nimmt Daria die Mauer.

Als ich ein Kind war, balancierte ich auch lieber auf diesen Mauern, als fad den Weg zu nehmen. Wenn mir der Höhenunterschied Bauchweh machte, kletterte ich trotzdem auf die Mauer und bat meine Mutter, mir ihre Hand zu geben. Dann ging ich los und fühlte mich wie die Königin der Welt. Für kleine Wesen sind solche Mauern eine Einladung, sich größer zu fühlen. Irgendwann war ich zu groß dafür und ging nur noch auf den Wegen, egal wie verlockend ein parallel verlaufendes Mäuerchen sein mochte.

Der Lockdownhund bleibt

Bei Daria kam dieser Zeitpunkt nie. Selbst im fortgeschrittenen Alter, mit Hüft- und Lendenwirbelproblemen, kommt es für sie nicht in Frage, so ein Mäuerchen links liegen zu lassen. Da ist sie Kind geblieben und hat ihre Freude.

Und das erinnert mich daran, dass Hunde für immer jung, für immer Kinder sind. Während Menschenkinder irgendwann erwachsen werden, alleine ausgehen und sich selber etwas zu essen nehmen, brauchen Hunde ihr Leben lang jemanden, der mit ihnen rausgeht und sie füttert (obwohl ... Daria würde schon ohne uns in den Wald gehen und sich am Selbstbedienungsbuffet vermutlich nicht ungeschickt anstellen ...).

Hunde bleiben uns ihr Leben lang. Wer also jetzt einen sogenannten „Lockdownhund“ in sein Leben lässt, sei beglückwünscht zum wunderbaren Begleiter und Seelentröster – und gleichzeitig darauf hingewiesen, dass er sich soeben entschieden hat, in den nächsten Jahren zwei- bis dreimal täglich spazieren zu gehen. Denn der Lockdown verschwindet hoffentlich, der Lockdownhund aber nicht. Er bleibt. Und er bleibt jung und anstrengend unternehmungslustig.

Am Freitag lief Daria im Wald einer Frau entgegen, die rief: „Jö, du bist aber noch jung!“ Automatisch antwortete ich: „Nein, zehneinhalb!“ Die richtige Antwort wäre natürlich gewesen: „Ja, im Herzen!“

Kommentare